George Bernhard Shaws Übermensch
Text erstellt im August 2001 von
An die Frauen gewandt sagt Nietzsche: „Euere Hoffnung heiße: ‚möge ich den Übermenschen gebären’ „. Wie ein Echo darauf klingt der Satz Bernard Shaws, der eine junge Frau auf der Bühne fordern lässt: „Einen Vater für den Übermenschen !“. Die junge Frau heißt Anna und ist das Mündel des neuzeitlichen „Don Juan“ namens John Tanner, eines sozialistischen Jung-Revolutionärs, der aber eigentlich „Mitglied der Klasse der reichen Nichtstuer“ ist. Er ist Vormund von Anna, die ihn, den Don Juan“ in Umkehrung der Rollen erobert. So wird aus dem Supermann ein Ehemann.
Das Stück ist eigentlich ein als Theaterstück getarnter philosophischer Essay Shaws. Shaw war lange Jahre Mitglied der „Fabier“, einer sozialistischen Vereinigung, und er war wohl im Herzen ein romantischer Sozialist. Damals konnte man auch noch inner aller romantischen Unschuld vom Sozialismus träumen, denn Shaw schrieb das Stück „Mensch und Übermensch“ („Man and Superman“) in den Jahren 1901 bis 1903. Zu diesem Stück gehört auch das „Hand- und Taschenbuch des Revolutionärs“ von „John Tanner“.
Shaw wollte den Sozialismus und träumte vom Übermenschen. Aber schließt das eine das andere nicht aus ? Der Sozialismus will Gleichheit und Brüderlichkeit – wie passt da ein Übermensch hinein, der alles andere als gleich und brüderlich ist - schon gar nicht der elitäre und neu-aristokratische Übermensch Nietzsches ? Um diesen Widerspruch zu entschärfen, verlangt Shaw nicht, dass der Übermensch besonders stark, schön und gesund sei – denn wo blieben da die Objekte des Sozialismus; die Armen, Kranken und Schwachen ? Sie kämen ja in einer von Übermenschen dominierten Gesellschaft unter die Räder. Deshalb ist für Shaw das „wahre Charakteristikum des Übermenschen die „Überlegenheit an unbewusstem Ich“ – was immer das sein mag.
Shaw ist beeinflusst von John Humphrey Noyes. Wie Noyes fragt er sich Shaw: wie kann man Menschen mit besseren Eigenschaften züchten ?.
Seine Antwort (von mir in Klartext übersetzt und interpretiert):
1. Man müsste die potentiellen Vätern und Mütter, die für die Menschenzucht in Frage kämen, aus allen Bevölkerungsschichten auswählen. Also: keine sozialen Schranken bei der Menschenzucht. Shaw schreibt: „Es dürfte der natürlichen Gattenwahl kein Hindernis entgegenstehen, wie etwa die Ansicht, dass eine Gräfin sich nicht mit einem Kanalarbeiter...verbinden dürfte.“ (Da spricht natürlich der SPD-Kanalarbeiter aus Shaw).
2. Es gibt allerdings das Problem, dass ein Paar, das aus eugenischer Sicht sich gut ergänzen würde (z. B. ein britischer Landedelmann und eine hochkultivierte Jüdin), eine vernünftige und angenehme Ehe miteinander führen könnte. Also steht die Ehe der Höherzüchtung des Menschen im Wege und man muß Menschenzucht und Ehe voneinander trennen.
3. Wenn Menschen, die nicht verheiratet sind, für Zuchtzwecke Kinder bekommen wollten, wäre das Privateigentum ein schwerwiegendes Problem. Wenn eine verarmte, aber hochkultivierte Jüdin von einen reichen britischen Landedelmann aus eugenischen Gründen einen Sohn bekommt, wird dieser ein Teil des britischen Landgutes erben – so sieht es das Gesetz vor. Der Landedelmann wird sich also hüten, seine ehelichen (und vielleicht eugenisch nicht so wertvollen) Kinder und seine Ehefrau durch eine eugenische Kopulation mit einer hochkultivierten Jüdin gegen sich aufzubringen - schließlich will er ja noch einen angenehmen und friedlichen Lebensabend verbringen. Also muss man aus eugenischer Sicht die Ehe abschaffen. Und damit ist Shaw der gleichen Meinung wie John Humphrey Noyes.
Shaw befasst sich ausführlich mit dem Experiment der Perfektionisten von Oneida Creek. Shaw nennt Noyes einen „Zufallsübermenschen“, also einen durch einen Zufall in der Genlotterie entstandenen Übermenschen. Das Ziel der Community von Oneida Creek sei es gewesen, einen weiteren Übermenschen wie Noyes hervorzubringen. (Die einfachste Methode war wohl, dass Noyes mit vielen jungen Frauen ins Bett ging, was ja wohl dann auch der Fall war).
Noyes sei aber letztlich bei seinem Versuch, das Privateigentum und die Ehe abzuschaffen (ganz zu schweigen von er Züchtung des Übermenschen) und er habe, als seine Kräfte nachließen, den freiwilligen Rückfall der Bibel-Kommunisten in Ehe und Privateigentum selbst organisiert. Shaw meint, dass Noyes, wenn er der Diktator der USA geworden wäre, ebenso am Normalmenschen gescheitert wäre wie Napoleon und Caesar in ihren Plänen gescheitert sind. Um die Welt zu verändern, würde nicht ein einzelner Übermensch ausreichen, sondern es müssten Gemeinschaften, ja Nationen von Übermenschen entstehen, die dann aus eigenem Antrieb die notwendigen Veränderungen vornehmen müssten. Shaw will also einen Übermenschen, der also Kollektiv auftritt und handelt.
Die Menschen, so meint Shaw, ersehnen zwar den idealen Übermenschen, aber im Grund fürchten sie ihn und wollen ihn nicht. Deshalb machen sie sich „Ersatzübermenschen“, den Papst, einen König – man könnte hinzufügen: den Kinohelden, den Popstar, den Super-Reichen. Den wahren Übermenschen würden sie aber gar nicht erkennen. Sie werden nämlich vermuten, dass der Übermensch grenzenlosen Verstand, grenzenlosen Mut und unbegrenzt viel Geld hat.
Shaw erhofft sich von der natürlichen Auslese, die in einer zivilisierten Gesellschaft stattfindet, dass sie schließlich doch in ferner Zukunft den Übermenschen hervorbringt. Seine Argumentation geht so: In einer Überflussgesellschaft werden die Freßsüchtigen allmählich aussterben, weil sie sich buchstäblich zu Tode fressen werden. Diejenigen, die Sex nur um des Vergnügen willens betreiben, werden streng auf die Empfängnisverhütung achten und deshalb kinderlos bleiben (ein allzu kühner Schluß). Aus der Sichts Shaws wird dann bei der Vermehrung der selbstbeherrschte Gesundheitsapostel, der sich bewusst fürs Kinderkriegen entscheidet, die vorherrschende Spezies werden. In diesem Sinne könnte man hinzufügen: in einer automobilen Gesellschaft werden auf lange Sicht die unvernünftigen Raser und dummen und unfähigen Autofahrer aussterben. Oder bezogen auf die AIDS-Krankheit: Es werden nur die Verantwortungsbewussten überleben, die bei ihren Seitensprüngen Kondome benutzen, ungeschützten Geschlechtsverkehr aber nur mit ausgewählten Partnern haben.
Unklar bleibt, wie der Übermensch Shaws aussehen soll. Der defensiv fahrende Nichtraucher, der Kondome benutzt, kann doch noch nicht der Übermensch sein.