Das interessante Sachbuch

 

Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht – Terror im Aufstieg und Fall der Nationen

189 Seiten, Preis: 24.-Euro

erschienen 2003 im Verlag Orell Füssli, Zürich

ISBN 3-280-06008-7

 

Umschlagstext des Buches:

 

„Nicht Religionen, Stammesfehden oder Armut sind die Hauptgründe für die weltweit anwachsende Eskalation des Terrorismus. Vielmehr sorgt ein übergroßer Anteil an Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung für tödliche Kämpfe. Vor allem die sohnesreichen Gebiete des Islam mit seiner Verachtfachung von 150 auf 1200 Millionen Menschen in den letzten 100 Jahren bieten ein immenses Reservoir gewaltbereiter Krieger.

Mit eindrücklichen Zahlen und Verweisen auf die Geschichte belegt der international bekannte Völkermordforscher Gunnar Heinsohn, dass die immer größer werdende Zahl junger Männer eine ernsthafte Gefahr für die Zukunft darstellt. Seine brisanten Thesen sind in den USA als „youth bulge“-Phänomen bekannt und stehen für die größte Hegemonialmacht im Zentrum von deren Globalstrategien. „Söhne und Weltmacht“ bietet daher einen schlüsselhaften  Einblick in die amerikanische Politik der kommenden Jahrzehnte.

Mit diesem Buch liefert der Völkermordforscher Gunnar Heinsohn eine spannende und zugleich provokante Antwort auf den weltweit eskalierenden Terror. Mit erdrückenden Beispielen aus der Aktualität und der Geschichte belegt er, dass weder religiöser Fanatismus noch Armut für tödliche Gewaltbereitschaft sorgen. Vielmehr erweist sich ein übergroßer Anteil perspektivloser Jugendlicher an er Gesamtbevölkerung als Hauptgrund für Unruhen, Terror und Krieg, bis hin zu Aufstieg und Fall ganzer Nationen.

 

Gunnar Heinsohn, 1943 in Polen geboren. Studium der Soziologie, Geschichte, Psychologie, Ökonomie und Religionswissenschaften an der freien Universität in Berlin. 1984 wurde er auf eine Lebenszeitprofessur an der Universität Bremen berufen und leitet dort seit 1993 das erste Europäische Institut für Völkermordforschung. Die umfangreiche Liste seiner Publikationen umfasst zahlreiche Titel, u. a.  das erste ‚Lexikon der Völkermorde’ (1998).“

 

Geheimwaffe Gebärmutter

Anmerkungen zum Buch von Gunnar Heinsohn „Söhne und Weltmacht“

Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de       beiderbeck@aol.com

 

Die Revolte der Hoffnungslosen und Überflüssigen steht bevor

 

Wie fühlt man sich als Mitglied einer zukünftigen Minderheit ?

 

Wie fühlt man sich, wenn man wie ich, 1947 als einziges Kind geboren und selbst ohne Kinder, liest, dass in der  weniger entwickelten Welt (ohne China !) 1400 Millionen Kinder unter 15 Jahren in den nächsten 15 Jahren das Erwachsenenalter erreichen werden ? Das bedeutet, Millionen von „zornigen“ und perspektivlosen jungen Männern, darum kämpfen werden, einen Platz im Leben zu finden, der ihnen nicht nur das nackte Überleben sichert (das ist bei den meisten der Fall, sie sind sogar relativ gut ernährt), sondern Anerkennung, Sicherheit und Aufstiegschancen bietet.

 

Die Position, die sie sich wünschen, wird es für die meisten nicht geben. Selbst bei uns, in den entwickelten Ländern werden für die jungen Männer (und die mit ihnen konkurrierenden jungen Frauen) die Positionen knapp.

 

Wie fühlt man sich als einer der Viel-zu-vielen ?

 

Wie fühlt man sich, als junger Mann von 21 Jahren, geboren im Irak oder in Palästina, oder in Kapstadt, mit der Erkenntnis, daß man sein Leben lang arm und arbeitslos sein wird ? Da bleibt nur eines: Zur Waffe zu greifen, sich einer militanten Gruppierung anzuschließen und sich den Anteil an Anerkennung und Besitz, der einem eigentlich zusteht, zu erkämpfen.

 

Diese jungen Männer sind nicht durch Hunger geschwächt; dann wären sie – zynisch gesagt - für den Rest der Welt keine so große Gefahr, sondern würden apathisch irgendwo herumvegetieren. Nein, sie sind intelligent, aktiv, hart und unternehmungslustig. Sie sehen die Zukunft im Krieg und in der Gewalt, denn nur er kann sie mit all dem versorgen, was sie sich wünschen.

 

Der youth bulge droht die Welt zu destablisieren

 

Ein zentraler Begriff im Buch Heinsohn ist der "youth bulge".

 

Was ist der youth bulge ? Der so genannte 'Jugendboom' ist die überproportionale Ausstülpung (bulge) der Alterspyramide bei den 15-24-jährigen. Heinsohn schreibt: "Ein jouth bulge findet sich überall dort, wo die 15-24-Jährigen (Fuller 1995) bzw. die Kinder (0-15-Jährige) mindestens 30 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. In Deutschland z. B. umfaßt die Alterskohorte der 15-24-Jährigen im Jahr 2003 lediglich 10 Prozent. In den vierzig Spitzenländern des Jugendbooms der islamischen und schwarzafrikanischen Welt aber wird sie in den kommenden fünfzehn Jahren  sogar 30 Prozent ausmachen."

 

Um diesen youth bulge und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, geht es in dem hochinteressanten Buch von Heinsohn.

 

900 Millionen unruhige und gewaltbereite Jugendliche

 

Überall dort, wo der Anteil von Jugendlichen in der Bevölkerung überproportional groß ist, bedeutet dies eine Gefahr für den inneren Frieden eines Landes, aber auch eine Gefahr für die Nachbarn. Das lehrt die aktuelle Statistik, aber auch die Geschichtswissenschaft. Dort, wo es überproportional viele junge Männer gibt, gibt es besonders viele Bürgerkriege, Massaker, Kriege und Revolutionen. Außerdem wird das Gleichgewicht der militärischen und politischen Kräfte gestört. Außerhalb der 30 OECD-Staaten (plus Rußland und die Osteuropäischen Staaten) gibt es 900 Millionen Jungen unter 15 Jahren (Stand 2003). Diese 900 Millionen bereiten der westlichen Hegemonialmacht USA ernsthafte

Sorgen. Die USA verfügen nur über 30 Millionen Söhne in diesem Alter. Die übrigen OECD-Staaten haben nocheinmal 70 Millionen Söhne. Es stehen also 100 Millionen Söhne in den Industrieländern 900 Millionen Söhne in den Entwicklungsländern gegenüber.

 

Die Rache der Zu-kurz-Gekommenen droht

 

Bei den Söhnen in den Industrieländern handelt es sich meist um die einzigen Söhne der Familie. Sie wird man kaum in einem mörderischen Krieg opfern wollen. Bei den Söhnen in den Entwicklungsländern handelt es sich um Söhne, meist um Zweit-, Dritt- oder noch später Geborene, für die es weder einen angemessenen Job noch eine sonstige Perspektive gibt. Solche Söhne kann ein Land viel eher entbehren. Im Gegenteil, manche Regierung wird froh sein, wenn sie die Unruhestifter, die sich zu kriminellen Banden oder als Bürgerkriegsmilizen zusammenschließen, los wird. Also liegt es nahe, diese Viel-zu-Vielen als Flüchtlinge außer Landes zu treiben, oder sie in Kriegen gegen Nachbarn zu verheizen und zu versuchen, Imperien aufzubauen.

 

Der youth bulge und die Kreuzzüge

 

Der youth bulge, so stellt Heinsohn fest, war eine entscheidende Triebfeder für die Kreuzzüge und für die Eroberung der Welt durch Portugiesen, Spanier, Holländer und Engländer.

 

Heinsohn zeigt, wie die "Produktion" von Kindern seit dem Ende des Mittelalters in Europa bewußt nach oben geschraubt wurde, indem man die im Mittealter gebräuchlichen Verhütungspraktiken ausrottete: die Frauen, die sie kannten und praktizierten, wurden als Hexen verfolgt. Er zeigt auch, wie die Sexualmoral darauf abgestellt war, den Sex ausschließlich in den Dienst des Kinderkriegens zu stellen und die Frau zur Gebärmaschine zu degradieren.

 

Die Geheimwaffe Gebärmutter ist voll im Einsatz

 

Auch heute wird die "Geheimwaffe Gebärmutter" vor allem in islamischen Ländern wieder bevorzugt eingesetzt. In diesem Zusammenhang möchte ich auf etwas hinweisen, das Heinsohn nicht besonders betont: Wenn ein Volk unterdrückt wird und Angst um seine Existenz haben muß, dann wird es sich besonders heftig vermehren. Als Beispiel möchte ich die Palästinenser oder auch die Kosovo-Albaner aufführen. Es ist mehr als machtpolitisches Kalkül der unterdrückten und bedrohten Völker, wenn sie die Bevölkerungsbombe zünden. Es ist wohl auch der Überlebensinstinkt.

 

Das eskaliert die Situation. Die Unterdrücker, z. B. die Serben im Kosovo sahen die Gefahr kommen, daß sie von den nachwachsenden Söhnen der Kosovo-Albaner schlichtweg an die Wand gedrückt werden. Also versuchten sie es mit Völkermord. Es ist zu vermuten, daß viele Hungerkatastrophen, die stattfinden und stattfanden, in Wirklichkeit Ausrottungsaktionen und verschleierter Völkermord sind.

 

Die Situation der überzähligen Söhne

 

Ein einzelner Sohn kann damit rechnen, daß er den Job oder den Besitz seines Vaters erben kann. Die restlichen Söhne müßen nicht am Hungertuch nagen. Sie werden durchaus mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Die

überzähligen Söhne sind also nicht durch Hunger und Krankheit geschwächt, sondern durchaus leistungsfähig und ehrgeizig. Aber ihr Streben nach oben findet kein Betätigungsfeld. Sie sind im "fight for love and glory", wie Heinsohn den Film „Casablanca“ zitiert, von vornherein in der Verliererposition. Das macht sie zornig und aggressiv. Auch sie wollen ihren Anteil an guten Jobs, an Pfründen, an Ansehen und an den jungen Frauen. Da die bürgerliche Gesellschaft, anders wie bei uns, diesen Ehrgeiz der Jugendlichen nicht in einer akademischen oder sonstigen Karrieren kanalisieren kann, bleibt den Söhnen in den islamischen Entwicklungsländern nur der Griff zur Kalaschnikoff. Der Krieg bietet ihnen Möglichkeiten, um zu Anerkennung, Geld, Position und Sex zu kommen. Und diejenigen, die im Krieg sterben, sind in einer gewissen Weise auch versorgt und geben Ruhe.

 

Es geht nicht um den Glauben oder die Ideologie

 

Es geht also den Glaubenskämpfern jeder Couleur, egal ob es sich um islamische Fanatiker, um christliche Kreuzfahrer oder um marxistisch-leninistische Weltrevolutionäre handelt, nicht um Religion oder Ideologie, sondern um die Eroberung von Territorien, in welchen sie Führungspositionen und Pfründe besetzten können. Wenn sie dann saturiert sind, werden die extremem Positionen sehr schnell wieder auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen und man kümmert sich kaum um Religion und Ideologie, sondern ums Geschäft. Und da stören Kriege und Fundamentalismus.

 

Die Flüchtlingslager sind die Brutstätten zukünftiger Kriege

 

Die Flüchtlingslager und die Großstadt-Gettos, aber auch die Trostlosigkeit und die Armut der Dörfer auf dem flachen Land sind mit ihrem Kinderreichtum die Brutstätten künftiger Kriege und Bürgerkriege. Darauf hat schon 1998 Hartmut Diessenbacher in seinem Buch „Kriege der Zukunft“ hingeweisen.

Hier ist das Biotop, in dem Terrorismus und Verbrechen gedeihen. Die jungen Männer gehen in die Fremde – als illegale Einwanderer in die Industrieländer, oder als Guerillakämpfer, als Söldner, als Glückritter oder als Terroristen.

 

Vor uns die unruhigen Jahre

 

Vor uns liegen die unruhigen Jahre, die etwa bis etwa 2020 anhalten werden. Dann, so hofft man, werden wieder weniger Kinder geboren werden.

Wie wird sich die industrialisierte Welt dagegen zur Wehr setzten ? Durch ferngesteuerte Präzisionsbomben ? Das wird nicht gehen. Die jungen Männer aus den Flüchtlingslagern und Getthos werden den Kampf Mann gegen Mann suchen.

 

Sollen wir einen neuen Limes bauen ?

 

Jean Christoph Rufin hat 1991 in seinem Buch „Das Reich und die neuen Barbaren“ gezeigt, daß immer größere Teile der Welt für uns Abendländer unzugänglich werden, weil dort Bürgerkriege toben, Seuchen grassieren und Warlords und Drogenbarone die Gegend kontrollieren. Diese von Rufin diagnostizierte Tendenz hat sich weiterhin verstärkt.

 

Soll sich das Reich der Abendländer mit einem neuen Limes umgeben ? Erste Ansätze sind deutlich erkennbar. Israel baut seine Mauern. Die USA hat ihre Grenze nach Mexiko über weite Strecken hinbefestigt, um die illegale Einwanderung zu unterbinden.

 

Ob das Abendland wirklich wie die DDR einen „Schutzwall“ bauen wird, ist stark zu bezweifeln. Aber man wird vielleicht eine elektronische „Firewall“ gegen Terroristen und illegale Einwanderer entwickeln. Jeder der ins Abendland kommt und sich dort bewegt, wird gescannt, gefilmt und biometrisch erfasst werden.

 

Ob uns das schützen wird ?

 

Der „Atomschild“ ist gegen Fanatiker und Verrückte unwirksam

 

Noch denkt die islamische Welt kaum weiter als über Israel hinaus. Ein Angriff auf Südeuropa ist zur Zeit nicht zu befürchten. Die islamische Welt ist viel zu sehr untereinander zerstritten und viel zu inhomogen, viel zu sehr in Gemäßigte und Radikale, in Freunde und Feinde des Abendlandes gespalten, als daß sie eine einheitliche Aktion gegen den Westen zustande bringen könnte.

 

Ja, und dann ist da noch unser atomare Schutzschild. Aber ob der so sehr beruhigen kann ? Den atomaren Schutzschild gibt es nämlich garnicht. Eigentlich besteht dieser Schutz ja nur in der Drohung, jeden Angreifer mit Atomwaffen zu vernichten. Wenn der Gegner aber ebenfalls Atomwaffen hat, dann kann man ihm nicht mehr glaubhaft mit Atomwaffen drohen. Ob man einen islamischen Selbstmordattentäter, der im Besitz einer Atombombe ist, mit einer Gegendrohung durch Atomwaffen zur Vernunft bringen kann ?

Wie sollen die USA reagieren, wenn jemand droht, im Hafen von New York eine Atombombe zu zünden ?

 

Ist Israel, das ja schon lange im Besitz von Atomwaffen ist, dadurch sicherer geworden ? Haben die Atomwaffen der USA den 11. September 201 verhindern können ? Nein, eher steht zu befürchten: letztlich werden sich die Atomwaffen gegen das Abendland, das sie erfunden hat, kehren.

 

Vor uns die unruhigen Jahre.

 

Gibt es einen Ausweg ?

 

Vor allem eines müssen wir erkennen: Die Menschheit ist eine Einheit, und nur gemeinsam kann sie ihre Probleme lösen. Es wäre jetzt ganz verkehrt, die islamische Welt als böse und feindlich zu denunzieren. Der youth bulge stellt zunächst einmal für die von ihm betroffenen Staaten selbst ein riesiges Problem dar. Wie können sie diese Millionen von Jugendlichen zu sozial angepassten Menschen machen ? Wenn sich ein Mensch an die sozialen Spielregeln halten soll, dann muß das sich für ihn auch auszahlen. Er muß eine Existenz und Aufstiegschancen bekommen. Hier einen Weg zu finden ist Aufgabe der Weltgemeinschaft. Das wird sehr viel Geld und Arbeit kosten. Wo können wir die einsparen ? für mich ist es klar: Bei der Rüstung.