Besuch beim Nachbarn USA

Von: Beiderbeck www.koinae.de

Dies ist ein Bericht über eine Reise nach Kalifornien und in den trockenen, einsamen Südwesten der USA, die ich im Mai 1996 zusammen mit meiner Frau Roswitha unternommen habe.

Die körperliche Erfahrung, von München nach Los Angels zu reisen, war eher unangenehm: Nachts um halb drei Uhr aus dem Bett, um fünf Uhr auf dem Flughafen sein. Um 7 Uhr hebt das Flugzeug in München ab. Mein Sitznachbar gießt mir seinen Kaffee übers Hosenbein und in den Schuh. In Amsterdam umsteigen nach Los Angeles (drei Stunden Wartezeit). Dann über 11 Stunden Flugzeit. Nach der Ankunft über 1 Stunde warten am Zoll. Dann mit einem Kleinbus zum Mietauto-Parkplatz. Dann losfahren. Aber wie? Der Chevrolet hat Automatik. Also, erst eine Viertelstunde die Bedienungsanleitung lesen. Dann auf den Manchester Boulevard. Dann auf den fünfspurigen Santa-Monica-Freeway. Dann auf den Harbour-Freeway. Bei der 10. Straße den Harbor Freeway verlassen. Da ist ja das Holiday Inn. Nur leider das falsche. Das richtige liegt dreihundert Meter weiter. Dann: endlich im Hotelzimmer. Nach 24 Stunden.

Die geistige Erfahrung eines Fluges nach Los Angeles ist wesentlich angenehmer. Kaum hat man es sich nach dem Start in München gemütlich gemacht, dann ist man schon in Amsterdam. Dann hat man in einer Stunde England und Schottland hinter sich gelassen und nachdem man sich mit Getränken, Fernsehen und einer Mahlzeit unterhalten hat, sieht man die Südspitze Grönlands unter sich: ein verschneites und vergletschertes Hochgebirge. Eine Weile später die zugefrorene Hudson Bay. Ein Netzwerk von Rissen durchzieht das Eis. Dann die Kältesteppe im Norden Kanadas. Ein kahle, menschenleere Landschaft, von einzelnen, schnurgeraden Straßen durchzogen. Dann viele eiszeitliche Seen, die zugefroren sind. Nach Süden wird ihr Eis immer grüner, dann die ersten freien Wasserflächen. Die erste größere Ortschaft an einem offenen Erzbergbau. Dann Felder, Ortschaften und Städte. Dann ein Gebirge, wohl die Rocky Mountains. Dann der große Salzsee, dahinter eine Wüste, die von einem Highway durchquert wird. Dann eine große grüne Oase: Las Vegas. Dann wieder Wüste. Dann bewässerte Flächen. Dann Los Angeles: Grünflächen und Häuser. Ankunft um drei Uhr Nachmittag Ortszeit. Wenn sie um 8 Uhr untergeht, hat sie 24 Stunden lang geschienen.

Den Weg, den Wikinger, Spanier, Mormonen, Siedler und Pioniere mühsam und in langer Zeit zurückgelegt haben, haben wir in etwa 11 Stunden geschafft und dabei noch den neusten James-Bond-Film gesehen. Los Angeles ist eine halbe Tagesreise von München entfernt, ebenso wie die meisten anderen Orte dieser Welt. Wir alle leben in einer einzigen, großen Stadt. Um von einem Ende zum andern zu gelangen, muß man ungefähr 12 Stunden mit einer Art Über-Bahn fahren.

Jeder Mensch auf dieser Erde lebt in einer einzigen, großen Stadt - auch wenn er die andern Stadtteile nie besucht. In London-Kensington traf ich einen Jugoslawen, der hier 40 Jahre lebte, aber nie im Ostteil der Stadt war. In Paris wollen die vom rive gauche nur selten zu denen aufs rive droite.

Dummerweise hat unsere Welt, die eigentlich nur eine große Stadt ist, keine großes, gemeinsames Rathaus, in welchem sich die Stadtväter aus allen Stadtteilen treffen, um z.B. über die Slums zu entscheiden; denn die UNO in New York ist nur die Fiktion einer Weltregierung. Vielmehr herrschen in unserer Stadt Bandenkriege und in vielen Stadtvierteln regiert die Mafia. In anderen Stadtvierteln stehen die Villen der Reichen, und jeder fremde Besucher ist unwillkommen. Es wird eine "armed response" angedroht.

Das erste, was einem in Kalifornien auffällt, ist das friedliche, überaus freundliche, rücksichtsvolle und herzliche Zusammenleben von Menschen aller Rassen und der unterschiedlichsten Abstammung. Die weißen angelsächsischen Protestanten stellen hier wohl weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Man sieht sehr viele Latinos spanischer oder indianischer Abstammung, viele Chinesen und Asiaten und natürlich Schwarze. Trotzdem ist es keineswegs eine multikulturelle Gesellschaft, sondern alle haben eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Art Miteinander zu sprechen und miteinander umzugehen. Innerhalb dieser Hauptkultur gibt es verschiedene Unterkulturen, aber die werden wohl einfach hingenommen oder bereichern die Hauptkultur, wie das dem pragmatischen Sinn der US-Amerikaner entspricht. Die Latinos von San Diego an der mexikanischen Grenze gehen zwar in ihren eigenen Supermarkt (der nicht klimatisiert und etwas schäbig ist) und sprechen dort auch mexikanisch. Aber Maßstab für sie ist der american way of life. Das gleiche gilt für die Navajo-Indianer in ihrem Reservat, das so groß ist wie Oberbayern. Auch wenn sie entlang der 120 km langen Straße von Tuba City nach Kayenta ihre Wüsten-Grundstücke eingezäunt haben und von einer Navajo-Nation sprechen, fahren sie mit ihren Dodge-Pick-ups (eine Art Kleinlaster) am Supermarkt vor und kaufen dasselbe wie alle Amerikaner ein. In ihren Holzbaracken haben sie wohl auch einen Fernseher mit dem amerikanischen Programm.

In der Gegend von Cortez betreiben sie ein Spielkasino und sind dabei, reich zu werden.

Von einer Rassendiskriminierung konnte ich nichts feststellen. Schwarze waren Polizisten, Bankangestellte, an der Hotelrezeption und Fernsehmoderatoren. Die Chinesen besitzen in San Franzisko im Zentrum des Stadtgebietes ein ganzes Geschäftsviertel in bester Lage, die berühmte Chinatown. Sie besitzen auch Villen im besten Viertel von Los Angeles.

Umgekehrt habe ich auch viele Weiße von offensichtlich englischer oder irischer Abstammung als Bettler, Zimmermädchen, Tankwart oder Hausdiener gesehen.

Mein Eindruck ist, daß in USA jedermann zu Reichtum und Ansehen kommen kann, vorausgesetzt er kommt mit den Spielregeln des Kapitalismus und der amerikanischen Gesellschaft zurecht.

Die erste Spielregel für das soziale Leben in den USA scheint mir zu sein: Bleib auf dem vorgezeichneten Weg und tue das, was von dir erwartet wird. Ob im Disney-Land, oder im Nationalpark oder wo auch immer, ständig erhält man Ermahnungen, auf dem Weg zu bleiben und dies und jenes zu lassen. Dies geschieht aber in einer so freundlichen und selbstverständlichen Art, daß es niemanden stört. Dennoch: Die Amerikaner sind einem ständigen Gruppenzwang zu angepasstem Verhalten unterworfen, wie man das eher in einer Diktatur als in einer Demokratie erwarten würde. Ich habe in diesen drei Wochen niemanden getroffen, der sich irgendwie rüpelhaft oder unzivilisiert benommen hätte. Selbst die Bettler und die Asozialen benahmen sich höflich, bescheiden und hilfsbereit.

Für den Fremden am offenkundigsten wird dieses Verhalten der US-Amerikaner im Straßenverkehr. Daß jemand einem auf der Autobahn mit 170 km/h bis zwei Meter an die hintere Stoßstange fährt und dann mit der Lichthupe von der Überholspur drängt, das ist im USA undenkbar. Jedermann fährt defensiv und rücksichtsvoll, von wenigen und sehr gemäßigten Ausnahmen abgesehen.

Typisch sind auch Kreuzungen, an denen alle ein Stoppschild haben. Dann hält erst einmal jeder, und der, der zuerst gekommen ist, fährt dann auch als erster. So geht das dann reibungslos und sicher reihum.

Wenn man die Intelligenz und die charakterliche Qualifikation einer Nation an ihrem Fahrstil erkennen kann, dann sind die meisten Amerikaner kluge Engel und ein erschreckend hoher Prozentsatz der Europäer idiotische Verbrecher, wobei die Unterschiede in Rom, Paris und München nur graduell sind.

Die zweite Spielregel für das soziale Verhalten in den USA ist: Sei freundlich und lächle bei jeder Gelegenheit. Ein Amerikaner, der nicht freundlich dreinschaut, ist schlecht angezogen. Deshalb auch das berühmte "cheese" vor jedem Photo.

Und so kommt es, daß man von jedermann selig angelächelt wird, als wäre man das Christkind persönlich und bringe die Bescherung, oder als wäre man ein alter Freund, den man schon monatelang nicht mehr gesehen hat. Ein Parkwächter von Disney-Land fragte mich (genauso wie seine 5000 anderen Kunden) "Wie geht es ihnen heute?" , und das auf eine Weise, als würde er an meinem persönlichen Wohlergehen wirklich ganz ernsthaft Anteil nehmen.

Ganz besonders ist die Höflichkeit in Kalifornien. Da heißt es "How are you today?". Wenn man dann weiter nach Osten ins Hinterland, nach Colorado kommt, wird man dann schon etwas wortkarger und für unsere Maßstäbe "normaler". Da heißt es dann nur "Howdy". Aber wenn man zu einem Fremden freundlich sein will, sagt man dann (ziemlich paradox): "Howdy, how ar you today?"

Woher kommt diese große Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme? Sie ist nicht, oder nur am Rande, eine geschäftsmäßige Höflichkeit, die den Umsatz fördert. Vielmehr sind die Amerikaner überall und zu jedem so freundlich. Ihre Wurzeln hat sie wohl in der puritanisch-christlichen Religion. Die Amerikaner stammen ja von Sektierern ab, und bei Sektierern (was ja nichts Negatives ist) habe ich eine ähnliche Art des Umgangs miteinander gefunden. Der zweite, wohl ganz pragmatische Grund ist wohl der, daß in USA so viele Menschen ganz verschiedener kultureller und nationaler Herkunft eng miteinander zusammenleben. Damit es da nicht zu ständigen Zusammenstößen, Beleidigungen und Konfrontationen kommt, müssen die Menschen überaus höflich und rücksichtsvoll miteinander umgehen. Und das hat sich wohl auch bewährt.

Die dritte Spielregel ist: erbringe die Leistung, für die Du bezahlt wirst, stehe früh auf und arbeite hart.

Muffige Verkäuferinnen im Kaufhaus, schlampige Zimmermädchen, schlechte Bedienung im Restaurant: das findet man in USA kaum. Jederman ist bemüht, dem Kunden perfekt und zuvorkommend zu bedienen und ihm jede Unannehmlichkeit abzunehmen.

(Wer nicht arbeiten muß, sondern sein Geld verleben will, der kann in den USA wie ein König leben. Schön wär's vielleicht in San Diego. Dort scheint das ganze Jahr die Sonne, der Winter ist mild und im Sommer kommt ein kühler Wind vom Pazifik. Es gibt eine mexikanisch geprägte Altstadt und die postmoderne Horton-Plaza. Aber trotzdem ist San Diego ein Millionendorf. Vielleicht sollte man dann doch lieber die Dunstglocke von Los Angeles oder den Nebel und Nieselregen von San Franzisko ertragen).

Wer sich allerdings an diese drei Spielregeln nicht hält, hat in den USA wohl nicht viel zu lachen. Er wird ausgegrenzt und wird zum Fremden und zum Feind, der kaum Unterstützung und Gnade zu erwarten hat.

Das ständige Freundlichsein und das ständige Funktionieren ist in einem generationenlangen Prozess zur zweiten Natur der Amerikaner geworden. Aber unter dieser zweiten Natur sitzt natürlich auch der faule und brutale Wilde, wie in jedem Menschen. Vielleicht üben gerade deswegen die brutalen Filme, das ausgeflippte Verhalten, die primitive, rhythmische Krawallmusik und die Drogen auf die Amerikaner eine solche Faszination aus.

Gemessen an ihren Tugenden sind die Fehler und Schwächen der Amerikaner eher unbedeutend.

Das erste ist ihr Hang zur Übertreibung in allen Dingen.

Ein Werbespot preist z.B. nicht einfach eine Anstrichfarbe an, nein, es ist gleich: "Die beste Farbe, die man für Geld kaufen kann". Alles ist gleich das größte und beste. Mit etwas geringerem würde sich ein Amerikaner auch nicht zufriedengeben.

Eine andere Übertreibung ist bei vielen Amerikanern das maßlose Essen. Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die so dick sind wie in USA. Viele sind so dick, daß sie Fettwülste oberhalb des Kniegelenks haben und schon gar nicht mehr richtig laufen können.

Da der Sinn für das Praktische bei weitem das Bedürfnis, elegant auszusehen, überwiegt, tragen die meisten Kalifornier in der Freizeit weite, labbrige kurze Hosen und T-Shirts. In Kombination mit der häufig enormen Fettleibigkeit gibt das dann ein Bild, an das man sich erst gewöhnen muß.

Mit dem guten Geschmack haben die Amerikaner überhaupt Probleme. Im "Schloß" des Zeitungsmagnaten Randolph Hearst wird dem staunenden Besucher ein Speisesaal gezeigt, wo sich unter einer Kassettendecke, die einmal ein französischen Schloß zierte, und umgeben von der Holzverkleidung aus dem Chor einer spanischen Renaissance-Kirche, eine lange Speisetafel befindet. In der Mitte der Tafel ist noch das Gedeck von Herrn Hearst, und daneben steht eine Flasche "Heinz"-Ketchup, mit dem Herr Hearst alle seine Speisen "veredelte".

Man muß allerdings sagen, daß die Amerikaner zu Zeiten von Herrn Hearst noch eine junge Nation waren. Auch sie machen einen Prozess der Kultivierung und Verfeinerung durch.

Der Sinn für Übertreibungen zeigt sich bei den Amerikanern natürlich auch bei ihren Straßenkreuzern und ihren 10 m langen Stretch-Limosinen. Übertrieben sind viele protzige Villen-Fassaden in Beverly Hills, übertrieben die Wolkenkratzer in Manhatten, übertrieben die meisten "kracherten" Filme, übertrieben die Lautstärke der Lautsprecher bei öffentlichen Darbietungen. Man vermisst das menschliche und natürliche Maß.

Eine Leidenschaft und eine besondere Begabung haben die Amerikaner für die Fassaden und Kulissen, kurz für die Oberfläche, die der Welt dargeboten werden soll. Die Welt der Kulissen in den Universal-Filmstudios und in Disneyworld und die Spielpaläste in Las Vegas, die prachtvollen Gebäudefassaden, die Straßenkreuzer: alles ist Kulisse und Show-Welt, aber zu höchster Perfektion getrieben.

Dabei ist die Kulisse niemals Selbstzweck, sondern sie dient stets dem Zweck, Geld zu verdienen oder zu zeigen, daß man Geld verdient hat.

Aber es macht den Amerikanern offensichtlich Spaß, diese Kulissen zu bauen und sie anzuschauen. Es gibt außer der Natur auch so wenig Echtes in diesem Land.

In Las Vegas sieht ein Spielpalast aus wie ein Pyramide. Im Innern kann man auf einem Fluß eine Nilfahrt machen. Im "Tropicana" ist man auf einer paradiesischen Südsee-Insel, auf der auch mal ein Vulkan ausbricht, (wenn er nicht gerade repariert wird). Im "Excalibur" ist man im Schloß von König Artus, vor dem "Treasure Island" findet in einem Teich mehrmals täglich eine Seeschlacht zwischen zwei Schiffen in Orginalgröße statt, mit Geschützdonner und Flammenwerfer. Ein Schiff versinkt sogar tatsächlich. Dabei muß man bedenken, daß Las Vegas in der Wüste liegt. "Caesars Palast" hat Marmorstatuen, Wasserbecken und im Innern eine italienische Straße mit Tempel. Darüber eine blaue Decke, die wie der Himmel aussieht.

Natürlich ist das alles Kitsch und Kulisse, genauso wie Disney-Land. Als europäischer Bildungsbürger, der die antiken Stätten besucht hat, kann man darüber eigentlich nur lächeln. Aber auch Las Vegas und Disneyland sind ein Stück Kulturgeschichte, wenn sie vielleicht auch nur den Untergang des Abendlandes dokumentieren. Auf jeden Fall geben sie einen Einblick in den Charakter der amerikanischen Nation.

Der vordergründige Sinn des Ganzen ist, die Gäste an die slot-machines und die Spieltische zu locken, die sich von denen im Hinterzimmer einer beliebigen Spelunke nicht unterscheiden. Aber hier lebt eine Stadt mit vierhundertausend Einwohnern davon und verbaucht das Wasser und die Elektrizität des Hoover-Staudamms.

Trotzdem: Las Vegas ist weit sinnvoller als Murmansk.

Vielleicht ist die Kulisse, die Show, das, was im Film, im Fernsehen und in den Medien stattfindet, für den Amerikaner die eigentliche Wirklichkeit. Ganz Unrecht hätte er damit wohl auch nicht. Wirklich ist das, was man sieht. Und man sieht die Oberfläche.

Und was steckt hinter der Oberfläche? Der Amerikaner würde vielleicht sagen: Das know how und der Zweck.

Vielleicht ist es die falsche Frage, wenn man fragt, was steckt hinter dieser amerikanischen Wirklichkeit, was steckt hinter diesen großen Autos, diesen zweimal fünfspurigen Autobahnen, dieser ständigen, heiteren Freundlichkeit, hinter dem offensichtlichen Wohlstand für jedermann (mit einigen Ausnahmen), hinter der Toleranz, der Humanität, der Vernunft, dem reibungslosen Funktionieren, der Effizienz und dem Erfolg dieser Nation. Vielleicht steckt wirklich nichts dahinter, sondern es ist tatsächlich die Wirklichkeit. Es steckt vielleicht wirklich nichts dahinter als das technische und soziale know how, der Kapitalismus, der Puritanismus, der Pragmatismus, der Fortschrittsglaube, die humanitären Ideale.

Und die Drogenszene, die Verbrechen, die für Normalbürger kaum betretbaren Stadtviertel? Das ist nicht Amerika. Das ist so eine Art Enklave der nichtamerikanischen Welt auf amerikanischem Boden. So eine Art Indianer-Reservat, wo alle Nicht-Amerikaner so leben können, wie es ihrer Art entspricht.

Reise-Eindrücke und Reiseerlebnisse

Palm Springs ist die größte Palmenoase der Welt und schon im Mai ganz schön heiß. Der Palm-Springser verläßt sein klimatisiertes Haus und seinen palmbestandenen Swimmingpool wohl nur, um mit seinem klimatisierten Auto in den klimatisierten Supermarkt zu fahren. Er fährt auf Straßen, die so breit sind wie die Münchner Leopoldstraße, aber ohne Verkehr. Die Parkuhren sind so weit auseinander, daß zwei normale Autos parken könnten. Am Frank Sinatra-Drive ist ein künstlicher Wasserfall aus Grundwasser, weiter hinten ein für Normalbürger nicht zugängliches Ghetto für Reiche.

Über den extraterrestrial highway: Ich tanke in Cedar City (Utah) voll und fahre 125 km nach Panaca, einer hübschen kleinen Stadt. Unterwegs komme ich durch drei armselige Ortschaften in der Halbwüste und eine große Staubwolke. Die nächsten 91 km sieht man keine Ortschaft mehr, sonder nur vereinzelte Häuser und eine Bahnlinie. Dann beginnt der "extraterrestrial Highway", der 155 km lang ist. Auf dieser Strecke begegnen uns 18 Autos (immerhin zwei mehr als im Hochhausviertel von Los Angeles nachts um 23 Uhr), drei Motoradfahrer, ein Wohnmobil und etwa 90 Kühe, davon 5 auf der Fahrbahn. Als Spuren menschlicher Anwesenheit sieht man 3 Ranches und eine Siedlung aus etwa 8 Wohnmobilen und 5 Holzhäusern. Und eine Tankstelle. Aber ich habe ja noch Sprit bis Warm Springs. Aber der Ort Warm Springs besteht nur aus einer Fernfahrerkneipe. Der nächste Ort ist Tonopah, 78 km entfernt. Wenn da auch keine Tankstelle ist, wird's mulmig. Der nächst Ort wäre dann laut Wegweiser Bishop, 180 km entfernt. Aber in Tonopah grüßt schon von weitem das gelbe M von Mac Donalds und der Stern von Texaco. Wir sind in die Zivilisation zurückgekehrt.

Marlborough Country ist eigentlich Indianer-Land: Navajo Country. Aus einer kargen, vertrockneten Ebene erheben sich vereinzelte, freistehende Felsen, wie man sie von den Reklamewänden her kennt. Gegenüber, selten fotografiert, eine Kleinausgabe von Ayers rock. Irgendwie ist man etwas enttäuscht. Die Felsen sind etwa 100 m hoch - klein, verglichen mit den himmelhohen Felsen der Meteora Klöster oder dem 400 m hohen, von Adlern umkreisten Felsen von Malos de Riglos in Aragon.

Aber je mehr man über das Colorado-Plateau fährt, umso mehr wird man von seiner Weite und seiner Einsamkeit beeindruckt. Die Luft ist so klar und trocken, daß der Blick bis zur Sierra Nevada und den Rocky Mountains reicht - das sind oft weit über 200 km. Das Plateau liegt 1500 bis 2200 m hoch. Frost und Hitze und der Colorado und seine Nebenflüsse haben ein verkehrsfeindliches Labyrinth von Schluchten und Felstürmen aus der Hochfläche herausmodelliert.

Die Gegend ist ausgedörrt und lebensfeindlich. Aber die Pflanzen und Tiere haben sich angepasst und überleben. Eine Mulde in einem großen Felsen, etwas Staub und Feuchtigkeit haben sich angesammelt: Schon sprießen Pflanzen hervor.

Der US-Amerikaner hat sich nicht angepasst, sondern sich inmitten dieser Wüste seine eigene, künstlich Welt erschaffen. Autos, Supermärkte, Hotels: Alles ist wie überall in USA. Soll man darüber lästern? Man nimmt die Annehmlichkeiten selbst ständig in Anspruch. Und auf seine Weise ist ein Supermarkt in dieser endlos weiten, einsamen Landschaft ein Wunder und eine gewaltige Errungenschaft.

Wenn man den Grand Canon zum ersten Mal sieht, kann man sich der Ehrfurcht vor der Größe der Schöpfung kaum entziehen. Über mehre, kilometerbreite ehemalige Flußterrassen sieht man, 1800 Höhenmeter tiefer, in einer Schlucht einen Fluß heraufblinken: der Colorado.

Der Bryce Canon ist ein Amphitheater von Felstürmen, die ein Farbspiel aus Ziegelrot und Weiß zeigen. "Der beste Platz, eine Kuh zu verlieren", sagen die Einheimischen.

Im Arches Nationalpark sehen wir mit dem Fernglas aus 1,5 km Entfernung den "Delicate Arch", einen von der Natur geschaffenen großem Triumphbogen aus Sandstein. Man könnte hinlaufen. Aber die Sonne brennt vom Himmel, ein schattiger Wald ist nicht in Sicht. Sand und Felsen, soweit das Auge reicht. Jetzt könnte ich im Biergarten unter einem Baum auf dem grünen Rasen sitzen. Deutsche, Franzosen und Japaner, die hier im Wilden Westen überreich vertreten sind, könnte ich auch auf dem Marienplatz sehen.

San Franzisko, Ecke Haight-Ashbury-Street: Die Hippie-Kultur hat hier noch überlebt. Verrückte Läden und verrückte Leute - die von einer Mehrzahl Normaler bestaunt werden. Ein Bayer mit Knickerbocker und einem Gamsbarthut wäre hier ein absoluter Exote unter all den Grün- und Orangehaarigen. Schräg gegenüber eine Fachbuchhandlung für Anarchisten. In der Nähe ein Wahrsage-Laden. Im Mac Donalds am Ende der Haight-Street steht ständig ein Wachmann. Im nahegelegenen Golden Gate Park haben die Ordnungsbehörden Hinweisschilder hoch oben an den Laternenpfählen montieren lassen: "Dies ist eine drogenfreie Zone. Der Gebrauch und der Handel mit Drogen ist verboten".

San Franzisko, Veterans-Building: Hier im sogenannten Herbst Theatre wurde 1945 die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet. Keine andere Stadt als San Franzisko wäre ein besserer Rahmen gewesen. Eine Steintafel in der Vorhalle und ein Gemälde im Theater-Foyer erinnern an das Ereignis.

Wir hören die Stimme eines Professors der Kulturgeschichte aus dem Theater klingen. Nicht die UNO steht heute auf der Tagesordnung, sondern eine bürgerliche Dichterin aus der italienischen Renaissance. Der Saal ist randvoll mit Damen jeden Alters. Die Emanzipation bewegt die Menschen. Die UNO ist kein Thema. Selbst nicht an diesem Ort.

San Franzisko, Fisherman's Wharf: Es ist Samstag abend, 21 Uhr. Wir sind in einem riesigen Buchkaufhaus. Man kann hier den ganzen Abend verbringen. Sogar eine große Toillettenanlage gibts, wie in einer Wirtschaft. Mich interessiert, was die Amerikaner so über Deutschland zu lesen bekommen. Auf Platz eins und Platz vier der Bestsellerliste des Time-Magazins sind zwei Romane, deren Inhalt ungefähr so lautet: Eine Gruppe von Nazis ist im Jahr 1996 dabei, die Weltherrschaft zu erringen bzw. die Menschheit in eine tödliche Gefahr zu bringen. Aber einige wackere Amerikaner kommen dem Komplott auf die Spur und machen die Nazis unschädlich. Die Romane sind etwas langatmig und weitschweifig. Aber das Thema hat sie zu Bestsellern gemacht. Ein anderes Buch heißt: Berlin 2000. Es wird daran erinnert, daß Deutschland sich einmal weit nach Osten ausdehnte und daß die Verlagerung des politischen Zentrums Deutschlands nach Berlin wieder den Blick der Deutschen nach Osten richtet. Ein anderes Buch ist von einem Daniel Goldenhagen, der die These aufstellt, daß der gewöhnliche Deutsche am Holocaust begeistert mitgewirkt hat. Bei uns in den Medien wurde das als provokante These eines Jungakademikers gewertet, der sich profilieren möchte. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob dies nicht die Mehrheitsmeinung in den USA ist. Dennoch sind wir auf unserer Reise keinerlei antideutscher Aggression oder Abneigungsbekundungen ausgesetzt gewesen - wie wir das in Frankreich manchmal erlebt haben. Die Amerikaner sind tolerant, und sie hatten unter uns weniger zu leiden als die Franzosen.

Trotzdem nun 50 Jahre vergangen sind, ist der Deutsche in den amerikanischen Medien immer noch der Bösewicht Nr. 1. Mich hat das nicht kaltgelassen, sondern manchmal dachte ich: es wäre schön, wenn ich Amerikaner werden und mich von dieser ganzen Vergangenheit distanzieren könnte. Seit dem Holocaust ist Deutschland eine unmögliche Nation. Wie kann man sich dazu bekennen, Deutscher zu sein? Die Deutsche Nation ist eigentlich als geistige Heimat erledigt.

Aber man ist nicht Deutscher, weil man sich zu bestimmten Ideen bekennt, sondern durch seine "blutsmäßige Abstammung" (ein deutscher Ausdruck). Deshalb kann man seinem Deutschtum auch nicht entkommen. Aber man kann sich eine geistige Nationalität suchen. Und die kann z.B. sein: Europäer, Wahlamerikaner oder Weltbürger.

Ganz anders die US-Amerikaner. Sie sind "eine Nation aus Nationen". Man ist Amerikaner durch die amerikanischen Ideale, zu denen man sich bekennt, selbst dann, wenn man noch gar nicht in Amerika angekommen ist.

Was sind diese Ideale? Mir scheint: Toleranz, Gleichheit, Humanität, Demokratie und Freiheit. Für die Amerikaner sind diese Ideale keine leeren Worte, sondern verbindliche Lebensgrundlage. Ohne diese Ideale wäre dieser Vielvölkerstaat, dessen Völker aber räumlich kaum getrennt sind, sondern bunt durcheinandergemischt, schon längst ausseinandergeflogen. Aber dafür sind keine Anzeichen erkennbar. Und so verbindet sich wieder das Ideal auf wunderbare Weise mit dem Praktischen, wie das für die Amerikaner typisch ist.

Der Nazi verkörpert für den Amerikaner das absolute Gegenteil dieser Ideale, und es ist all das, was er fürchtet: Intoleranz bis zur Vernichtung Andersartiger, Ungleichheit, Inhumanität, Diktatur und Zwang. Wenn dieser Dämon in den USA aus der Flasche käme, denn wäre ein neuer Bürgerkrieg fällig. Und die Erinnerung an den Bürgerkrieg ist nach 130 Jahren in den USA immer noch lebendig.

Für den Amerikaner, der so rücksichtsvoll und freundschaftlich zu jedermann ist, ist unbegreiflich, was die Deutschen mit den Juden getan haben. Deswegen erscheinen ihnen die Deutschen wohl als ein unverständliches Rätsel, auch gerade jetzt, wo die amerikanischen Touristenzentren von Deutschen überflutet werden, die sich äußerlich kaum von den Amerikanern unterscheiden, die oft von allen nichtenglischsprachigen Fremden das beste Englisch sprechen, oft sogar klarer und "britischer" als die echten Amerikaner. Der Deutsche: der ungeliebte und nicht verstandene Bruder und Rivale des Amerikaners. So gleich, und doch so verschieden. Gleich in seinem Fleiß, seiner Ordnungsliebe, seiner Wertschätzung der staatlichen Autorität, der Disziplin, der Sauberkeit. Ungleich nur durch die Geschichte und die Verschiedenartigkeit der Länder. Deutschland: eng und (in der Vergangenheit) oft engstirnig bis zum Fanatismus. USA: ein grenzenloses Land, das immer noch aus dem Vollen schöpft, eine vielfältige und bunte Bevölkerung von immer noch unverbrauchter Vitalität. Deutschland: ein Land, das so sehr darum gekämpft hat, eine Weltreich zu erobern. Die USA: Ein Land, dem ein Weltreich zufiel, das es aber nicht wollte, sondern nur ein Wirtschaftsimperium.

Trotz allem, die USA sind unser nächster Nachbar. Näher als Frankreich, Italien oder Polen.

Los Angeles, Universal Filmstudio's: Wir besteigen eine Nachbildung des Autos aus dem Film "Zurück in die Zukunft" und unternehmen eine halsbrecherische Fahrt durch den Großstadtverkehr, verschwinden dann irgendwo in einer Höhlenwelt und werden von einem Tyrannosaurus verschluckt und wieder ausgespien. Alles in einem wahnwitzigen Tempo und täuschend echt. Mitten in der Fahrt schaue ich nach hinten: Wir fahren überhaupt nicht, sondern stehen auf einem Schütteltisch. Vor uns eine riesige, halbkugelförmige IMAX-Leinwand, die das ganze Sichtfeld ausfüllt. Der Schütteltisch wird per Computer mit dem Geschehen auf der Leinwand koordiniert.

So kann der Amerikaner nun fast schon endgültig in seine künstlichen Hollywood-Welten hineinkriechen. Cyberspace geht ja einen ähnlichen Weg. Die Kulisse und die Fiktion soll zur eigentlichen Wirklichkeit werden - oder zur Droge.

So interessant diese Fahrt auf dem Schütteltisch ist, die Bandscheiben dürften das nicht lange durchhalten. Das ist sicher nicht die Zukunft des Pantoffelkino's: daß man einen Schüttel-Fernsehsessel bekommt.

Der Chevrolet, unser Mietwagen, beharrt eigensinnig darauf, daß ich mich im vorgeschriebenen Rahmen bewege. Wenn ich losfahre, ohne angeschnallt zu sein, ertönt alle 5 Sekunden ein melodischer Gong. Ebenso, wenn ich die Tür öffne, ohne das Licht ausgemacht zu haben oder wenn der Zündschlüssel noch steckt. Der kann nur abgezogen werden, wenn die Automatik auf "Parken"steht. Außerdem ist der Chevrolet der Ansicht, daß man tagsüber auch bei strahlendem Sonnenschein mit Licht fahren sollte. Schalten läßt er mich sowieso nicht. Während der Fahrt darf ich auch nicht aussteigen. Sobald die Automatik auf "Fahren" steht, werden alle Türen verriegelt. Mitten in der Wüste fängt er während der Fahrt plötzlich an zu gongen. Was ist kaputt? Motorschaden vielleicht? Nein, ich habe vor 3 Minuten vergessen, den Blinker wieder zurückzustellen.

San Franzisko, in einem großen Esoterikladen: Hier kann man sich alles kaufen, was man für die häusliche Ausübung von Religion und Magie benötigt. Ein Regal mit vielen Postkarten ist da. Das Motiv ist immer ein Drache in einer witzigen Situation. Er hat z.B. gerade den St. Georg besiegt und sieht neben einer leeren Ritterrüstung satt und zufrieden aus. Darunter steht: "Manchmal gewinnt der Drache". Eine andere Karte zeigt einen kleinen häßlichen Drachen, der in der Dunkelheit eine Kerze hält. Darunter: "Das Licht am Ende des Tunnels". Warum diese Sympathie für den Drachen? Der Drachen ist ein Naturdämon und symbolisiert die Macht der Natur. Der Mensch hat die Natur besiegt und sie sich untertan gemacht. Aber manchmal gewinnt die Natur. Am Schluß sogar immer.

Ich hatte schon lange Mitleid und Sympathie für den mickrigen, beinahe nur Dackel-großen Drachen, der in mancher bayrischen St. Georgskirche von einem übergroßen, schwerbewaffeten St. Georg durchbohrt wird. "Sometimes the dragon wins", das ist also die neue Botschaft aus San Franzisko.

San Franzisko, eine Kirche nahe Chinatown: Ein Französischer Priester hält eine katholische Pfingstmesse. Die Messe ist fast zu Ende. Jetzt kommt die Stelle, wo jeder seinem Nachbar die Hand gibt. Chinesen, Mexikaner, Amerikaner, Franzosen und Deutsche reichen sich freundlich lächelnd die Hand. Später kommt der Priester und erzählt, daß er aus Straßburg ist und seit 40 Jahren hier in San Franzisko. Er hat offensichtlich Heimweh nach dem Elsaß. Er gibt mir die Hand. Er sagt: "Deutsche und Franzosen kämpfen nicht mehr gegeneinander". Das ist der Geist von San Franzisko. Oder von Straßburg. Oder von Christus. Oder von Buddha. Oder von dir und mir.

Im Flugzeug, auf dem Heimflug südlich von Grönland: Ich schlafe kurz ein und sehe mich in einem Zimmer. Eine helle Glühlampe brennt. Ich gehe in dem Zimmer herum und mache meine alltäglichen Dinge. Da wird die Glühlampe immer schwächer und schwächer. Sie verlöscht, und ich sehe, daß das Zimmer keine Decke hat. Über mir war die ganze Zeit der Sternenhimmel. Aber solange die Glühlampe brannte, habe ich ihn nicht gesehen.

Hat es sich gelohnt, all die Unbequemlichkeiten, Kosten und Gefahren auf sich zu nehmen, um ein Land fast ohne Kathedralen, ohne Schlösser und Burgen, ohne Altstädte zu sehen? Ein Land, dessen kulturelle Sehenswürdigkeiten Kulissen aus Holz und Pappe sind? Ein Land, das man bei uns jeden Abend im Fernsehen sehen kann. Was gibt es da noch zu entdecken? Sehr viel: Das Land und die Menschen. Ein Leben ist zu kurz dafür.

Ein zweiter Blick auf die USA

Im Mai 1997 unternahm ich mit meiner Frau Roswitha eine zweite Reise in die USA. Von new York über Philadelphia, Atlantic City, Washington, Philadelphia fuhren wir nach Chicago. Die 1300 km von Philadelphia-Chicago legten wir mit der Eisenbahn zurück. In den USA gibt es keinen Intercity oder TGV. DerAmtrak-Züge fahren mit etwa 90 km/h. Wir fuhren 19 Stunden, was sich aber in einem bequemen Liegesitz und bei angenehmer Gesellschaft ganz gut aushalten läßt. Wenn ich mir überlege, daß bei uns für Milliarden Intercity-Strecken gebaut werden, nur damit man eine halbe Stunde eher ankommt, dann müssen sich die Amerikaner wohl leicht über uns wundern.

Das gleiche gilt für den Geschwindigkeitswahn auf unseren Autobahnen. Die Amerikaner fahren mit 110 durch ihr riesiges Land.

Dieser zweite Blick auf die USA fällt kritischer aus. Ich habe diesmal mehr auf die Schwachpunkte der amerikanischen Gesellschaft geschaut. Und das hat bei mir Besorgnis erregt. Die USA sind mir nicht egal, sondern ich fühle mich mit diesem Land verbunden. Etwa 25 % der Amerikaner ist mit Deutschen verwandt, und die amerikanische Gesellschaft und Mentalität hat deutliche deutsche Züge. Die Amerikaner sind uns viel näher als die Franzosen, Italiener oder Spanier. In den USA könnte ich mich einfügen und für immer dort leben. In den Europäischen Ländern, wenn man von Österreich, der Schweiz, Belgien, Holland oder dem Elsaß absieht, könnte ich das nicht.

Umgekehrt ist Deutschland außer Großbritannien wohl das Land, in welchem sich ein Amerikaner am besten zu Hause fühlen könnte. Schon das äußere Erscheinungsbild (z.B. in und um Frankfurt) zeigt die Verwandtschaft. Ist das schlimm. Nein. Das ist schon in Ordnung.

Die Stadt, in welcher der Umgangston dem deutschen Miteinander kommt, ist Chicago. Hier ist man freundlich und hilfsbereit, aber nicht so übertrieben höflich wie in New York, das in mancher Hinsicht die jüngere Schwester von London ist. Einem Deutschen geht dieses übertriebene Höflichkeitsgetue und der Smal talk manchmal auf den Geist.

Da meteorologische Klima in Chicago ist aber nicht ganz so angenehm. In Sommermonaten oft schwüle Hitze, wenn die Feuchtigkeit vom Michigan-See kommt. Im Winter wohl viel Schnee und sibirische Kälte. Trotzdem: Chicago wäre "my kind of town", wie Chicago für sich Werbung macht. Aber New York bleibt halt New York.

In Chicago, der wohl amerikanischsten Stadt der USA, leben etwa 39 % Afroamerikaner. Bis zum Jahr 2000 werden etwa 25 % Menschen aus Lateinamerika hinzugekommen sein. Die Zahl der Chinesen und Koreaner ist ebenfalls ansteigend.

Zwischen Afroamerikanern und Latinos entstehen zunehmend Spannungen, weil die letzteren den ersteren ihre Jobs streitig machen und auf dem Arbeitsmarkt wohl auch durch ihr reichliches Angebot zu Senkung der Löhne beitragen.

Chicago zerfällt in eine Vielzahl von Stadtteilen, in denen Menschen jeweils der gleichen ethnischen Herkunft zusammenleben und quasi unter sich bleiben. Die Chinesen leben in Chinatown; gleich nebenan, in Pilsen ist eine mexikanische Enklave, in der die die mexikanischen Feste in traditioneller Weise gefeiert werden. Die Tschechen, die einst in Pilsen lebten, sind in bessere Stadtviertel umgezogen.

Als Tourist kann man Chinatown oder Pilsen durchaus besuchen, wenn man die nötige Vorsicht walten läßt. Aber man sollte sich nicht in das nicht allzuweit entfernte Slum "Cabrini Green" verirren. Das kann sehr gefährlich sein. Dieses Produkt des sozialen Wohnungsbaus liegt übrigens nicht allzuweit vom Sears-Towers und dem Bankenviertel entfernt.

So liegen in Chicago die verschiedenen Welten in unmittelbarer Nachbarschaft. Die University of Chicago liegt mitten in verwahrlosten Schwarzenvierteln, darunter die berüchtigten Taylor Homes. Man sieht Ruinen verbrannter Häuser, stillgelegte Fabriken, zerbrochene Fensterscheiben. Die 11000 Studenten und 1800 Dozenten erreichen ihren Elfenbeinturm, der eine Hochburg des Wirtschaftsliberalismus (sprich Manchesterkapitalismus) ist, auf dem autobahnähnlichen Lake shore drive, passieren den Wachposten und fahren in die Tiefgarage. Das Universitätsgelände ist mit einem drei Meter hohen Eisengitter umgeben.

In Cabrini Grenn leben 7000 Menschen, die alle unter der Armutsgrenze leben - 90 % sind Schwarze. Die meisten Familienväter können oder wollen sich nicht um ihre Familie kümmern, sie sind entweder im Gefängnis, oder tot oder abgehauen oder von ihren Frauen davongejagt worden. In Cabrini Green wird findet laut Statistik täglich ein Überfall statt.

Ganz anders die Welt am Seeufer in der Nordhälfte der Stadt und in den Vororten in der Nähe der Loyola Universität und der Northwestern University. Hier sind man feudale Villen derer, die von der näher am Stadtkern liegenden "Goldküste", einem ehemaligen Nobelviertel, in die Vororte geflüchtet sind. Sie verschanzen sich in riesigen parkartigen Gärten und in ihrer "No pasing zone".

Ein Stück südlich der "Goldküste" verläuft die Michigan Avenue, die sich "Magnificent mile" nennt. Hier und in der etwas betagteren State Street sieht man die wohl luxuriösesten Konsumtempel der Welt.

Man hat nicht den Eindruck, daß die Existenz der Slums die Lebensqualität oder das Lebensgefühl der wohlhabenden, erfolgreichen und angepassten Klasse "Euro-Amerikaner", wie ich sie mal nennen will, und die meist englischer, irischer, schottischer, deutscher, jüdischer, skandinaviescher, italienischer Abstammung sind (oder auch recht häufig Schwarze, das muß man nämlich auch sehen). Die amerikanischen "Schwarzen" sind übrigens oft Mischlinge und nicht selten kaum dunkler als ein bayerischer Mauerer, der einen Sommer auf dem Bau zugebracht hat.

Die Klasse der Wohlhabenden und Arrivierten hat es sich in ihrer Welt gemütlich gemacht und sie durch Zäune, Wachleute, klimatisierte Wohnungen und Autos nach außen hin abgeschirmt. Zum Einkaufen geht man in große Einkaufszentren in den Vororten, in denen man nur Weiße und ein paar gepflegte und etablierte Schwarze oder Latinos trifft.

Trotzdem gibt es eine Vielzahl von Berühungspunkten mit den Gruppen anderer ethnischer Herkunft. Das sind die Straßenfeste in den einzelnen Stadtvierteln, also die folkloristischen Straßenfeste und kulturellen Ereignisse in den polnischen, litauischen, italienischen, jüdischen, armenischen "neighbourhood oder in den öffentlichen Parks. Da sind die Jazz und Blues-Lokale und vielen Restaurants mit den spezifischen Nationalgerichten. Die weißen Intellektuellen und Freunde der Kunst treffen sich mit den schwarzen in den Randzonen südliche der Loop (dem Hochbahnring) in der Dearborn Station (einem alten Bahnhofsgebäude oder in der Printhause Row, einer Straßenzeile von Verlagshäusern.

Und diese Begegnungen und dieser Austausch, der für alle Beteiligten anregend, interessant und bereichernd sind, ist sicher auch ein nicht zu unterschätzendes Stück Lebensqualität. Dieses Erproben fremder Lebensart, fremder Gedanken und wohl auch fremder Partner ist es wohl, an was alle diejenigen denken, die von er multikulturellen Gesellschaft schwärmen.

Und die anderen, die an Slums, Verbrechen, Drogen, Anarchie, Schmutz und Zerfall denken - sie gebrauchen das Wort "multikulturelle Gesellschaft" ebenfalls, aber sie stellen sich halt etwas ganz anderes darunter vor. Und beide haben sie recht.

- Oder auch nicht, denn all die verschiedenen Stadtbezirke mit ihren unterschiedlichen Ethnien, leben in der gleichen amerikanischen Zivilisation. Der "Southsider" aus Cabrinini Green hat im Grunde die gleichen Wünsche wie der "Northsider" - auch wenn beide wohl kaum je einWort miteinander wechseln werden. Beide wollen sie so leben, wie der Northsider es tut. Der Southsider will nicht zurück zur Elfenbeinküste und dort seine Stammeskultur pflegen und als Bauer leben, sondern er will vom arroganten Northsider als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt werden. Er will "dignity" - ein Schlüsselwort für das Empfinden der Southsider, nicht nur in Chicago, sondern weltweit. Und er will den amerikan way of life.

Ich habe mich mit einigen Schwarzen unterhalten, und ich habe viele beobachtet: als Empfangschef in der Hotelrezeption, als Moderator im Fernsehen, als Kunde auf der Magificent Mile, als Polizist oder Wachmann, als Zimmermädchen und Kellner, als Professor oder Absolvent an der Hochschule. Es wäre dumm und absurd zu glauben, daß die Schwarzen weniger begabt, weniger fleißig oder häßlicher als die Weißen sind.

Trotz der gewaltigen sozialen Unterschiede und Spannungen glaube ich nicht, daß die amerikanische Nation in eine schwarze und weiße Hälfte zerfallen wird. Es wird auch zu keiner Revolte der Schwarzen kommen, denn die Oberschicht der Schwarzen denkt nicht im Traum daran, ihre weniger glücklichen Mitbürger zu einer Revolte gegen das Establishment auszustacheln. Denn die schwarze Elite ist Teil des weißen Establishments, wenigstens mehrheitlich.

Natürlich gibt es daneben eine Vielzahl schwarzer Intellektueller, die am Aufbau der schwarzen Nation arbeiten. Sie erforschen die Vergangenheit der afrikanischen Vorfahren und ihre Religion und ihre Mythen, und sie scheuen sich auch nicht neue Mythen und neue Religionen zu erfinden oder bestehende Glaubsvorstellungen umzudeuten und umzudichten. Man schöpft aus Quellen des Islam, des Christentums, und wohl auch aus dem haitianischen Voudou-Kult, der ja selbst eine Mischung aus afrikanischen , christlichen und freimaurerischen religiösen Vorstellungen ist. Und das Christentum, der Islam und die Freimaurerei waren ja in ihren Anfängen durchaus umstürzlerische Bewegungen.

Aber noch ist die USA fest in der Hand der Amerikaner europäischer Abstammung, und das wird auch so bleiben, wenn sich nicht etwas Unvorhergesehenes passiert und sich Voudou, Crack oder die Drogenmafia stärker erweisen als Know how, Coca Cola und die Wallstreet. Aber nicht nur in Chicago und New York wird es Zonen geben, die vom Normalbürger kaum betreten werden können, trotz der energischen Versuche der Polizei, die Kontrolle wiederzuerlangen. Diese Zonen bilden eine eigene Welt mit ihren eigenen Dschungelgesetzen und Dschungelreligionen.

Neugierige Touristen, die "Das wirkliche New York" kennenlernen wollen, können für 30 $ eine Busfahrt in die South-Bronx unternehmen, so wie man ein Foto-Safari zu einem Dorf der Navajo-Indianer unternimmt.

Anders als die Navajo-Gebiete liegt die South-Bronx nur einige U-Bahnstationen von dem feinen Wohnviertel um den Central-Park entfernt, und so bleibt die leise Angst, daß eines Tages sich die Tore er Unterwelt öffnen könnten, und sich Ihre Kreaturen über die Madison-Avenue ergießen könnten. Rund um das Empire State Building steigen Dampfschwaden und üble Gerüche aus der Kanalisation auf, und ständig sind Reparaturtrupps im Einsatz. Auf dem Pflaster sieht man ab und zu eine zertretene Riesenkakerlake, die offensichtlich aus der Kanalisation stammt. In Washington sah ich nur 100 m vom weißen Haus eine große tote Ratte auf dem Pflaster liegen. Sie erinnert daran, daß es finsteres Schattenreich geben muß, das genauso marode, unappetitlich und bedrohlich ist, wie die Lichterwelt in Manhattan, Las Vegas oder Disneyland glänzend, ohne Makel und hygienisch einwandfrei ist.

Allerdings - der Unterschied zwischen den USA und vielen andern Ländern ist, daß hier der Versuch unternommen wurde, eine großartige und vollkommene Welt ohne Schattenseiten zu schaffen. Naturgemäß kann eine solche Welt nur eine Kulisse sein. Eine Ratte auf dem Pflaster einer Metropole der Dritten Welt ist eine unbeachtete Selbstverständlichkeit. Es soll dort Gegenden geben, wo selbst eine menschliche Leiche, die auf dem Pflaster liegt, kaum wahrgenommen wird. So gesehen ist die Welt in Chicago fast in Ordnung.

Unverkennbar ist aber in den USA die Tendenz, in künstlichen Paradiesen zu leben. Man baut immer prächtigere Einkaufszentren in die von Weißen bewohnten Vororte, wo man gegen Hitze und Kälte, gegen Häßlichkeit und Verbrechen geschützt, den eigenen vier Wänden entfliehen kann, ohne den Unannehmlichkeiten und Gefahren der Innenstädte ausgesetzt zu sein.

Noch sind die Gebiete der Verwahrlosung und des Verbrechens in den großen Städten der USA recht klein. Es ist nicht so, daß die gesamte Bronx oder der ganze Süden Chicagos ein riesengroßes Slum wäre. Es sind einige Straßenzüge und Häuserblocks, in denen Verbrechen und Elend besonders konzentriert sind. Der weit größere Teil ist normales Stadtgebiet.

Seit langem gibt es aber eine Flucht des Mittelstandes und der Oberschicht aus dem Kernbereich der Städte in die Vororte. Um die nachts ausgestorbenen Geschäfts- und Bankenviertel gruppieren sich die von Schwarzen, Latino's und Asiaten bewohnten Viertel, unterbrochen von aufgegebenen Fabrikanlagen. Weiter draußen kommen dann Indrustriegebiete und Arbeiterviertel. Und noch weiter draußen beginnt dann die heile und angenehme Welt der Besserverdienenden, die Welt der schmucken Einfamilienhäuschen und der prächtigen Villen, umgeben von ausgedehnten Parkanlagen.

Die Polizei versucht recht erfolgreich, die Stadtzentren, die Parks, die Zonen um die Museen und die innerstädtischen Einkaufs- und Erholungsgebiete frei von verwahrlosten und drogensüchtigen Menschen zu halten und die Sicherheit zu gewährleisten. So wie es für die Normalbürger nicht ratsam ist, in die Welt der Asozialen einzudringen, so ist es für die Asozialen nicht ratsam, sich in der Welt der Etablierten blicken zu lassen.

Wohl keine andere Nation der Welt vereint so viele Gegensätze in sich als die USA. Nirgendwo herrscht ein so vielfältiges Durcheinander von Gebäuden aller Stilrichtungen, aller Größen und jedes denkbaren Grades der Schönheit oder Häßlichkeit wie in New York oder Chicago - und das alles auf engstem Raum. Nirgendwo ist so ein buntes Gemisch von Menschen jeder denkbaren Variante. Wenn die Integration der unterschiedlichen Völker und Volksstämme dieser Welt gelingen kann, dann in den USA. Deshalb ist die USA trotz des Heraukommens Japans und Chinas immer noch das Land der Erde, in dem sich die Zukunft der Menschheit entscheiden wird. Wenn es gelingt, in den USA eine Gesellschaft zu schaffen, die alle Völker, Rassen, Religionen und Weltanschauungen zu einer harmonischen und gerechten Gesellschaft vereint, und die den Abgrund zwischen Arm und Reich einebnet, dann hat die Welt noch Hoffnung. Wenn es in den USA nicht gelingt, dann wird es auch nirgendwo sonst gelingen.

Die geistige Basis Amerikas ist nach wie vor die Philosophie des Puritanismus, der Aufklärung und des Pragmatismus. Die Frage "Wie geht es Ihnen heute?", mit der man in den USA ständig begrüßt wird, ist natürlich eine Höflichkeitsfloskel. Aber nicht nur. Es steckt die urchristliche Idee dahinter, daß jeder des anderen Bruder und Freund sei, dessen Wohl und Wehe einem nicht gleichgültig ist. Auch wenn es in den USA nicht mehr viele Quäker (sie nennen sich "die Freunde") oder Puritaner gibt, ihr Geist ist nach wie vor lebendig und bildet eine wesentliche Grundlage des Erfolges der Nation. Wenn dieser Geist der Anständigkeit, Fleißes, Menschenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit, und nicht zu vergessen, des Fleißes, der Disziplin, der Strebsamkeit und der Großzügigkeit, der immer noch stark spürbar ist, der einem bei negativen Auswüchsen dieses Landes mit diesem Volk immer wieder versöhnt - wenn dieser Geist einmal nicht mehr da sein wird, dann wird die USA aufhören zu bestehen, und es wird dort eine andere Nation sein - oder mehrere oder viele.

Diese Tugenden sind das Fundament Amerikas, und auf diesem Fundament haben die Siedler in den Neu-Englandstaaten aufgebaut. Später kam eine Einwandererwelle nach der andern, und jede fügte dem Haus Amerika ihre An- und Aufbauten hinzu. Nach den Engländern, Iren und Schotten stellen die Deutschen wohl die stärkste Gruppierung, und so kommt es, daß Amerika auch heute noch so viele deutsche Züge trägt.

Jede Einwandererwelle (z.B. die Italiener, die Polen, die Armenier, die Juden) brachte ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Kultur mit sich. Kultur bedeutet im amerikanischen Sprachgebrauch die Art, wie dem Menschen leben: wie sie kochen, wie sie ihre Feste feiern, wie sie ihren Gott verehren und wie sie miteinander umgehen, welche Werte sie haben.

Amerika wurde zur multikulturellen Gesellschaft schlechthin.

Es war ganz natürlich, daß sich z.B. die Deutschen, die neu hinzukamen, dort ansiedelten, wo schon andere Deutsche wohnten, und so entstanden Viertel, in denen man fast nur Deutsche, oder Italiener oder Polen fand.

Dieser Zustand der nach Nationalitäten getrennten Stadtbezirke besteht vor allem in Chicago nach wie vor fort, während in New York, dem großen Schmelztiegel diese Tendenz weniger stark ist.

Die große Aufgabe, vor der die USA als Vorreiter der gesamten Welt steht, ist es, die verschiedenen Völker in einer Gesellschaft zu integrieren.

Hilfreich bei dieser Aufgabe sind verschiedene Faktoren. Da ist einmal die in den USA stark verwurzelte Weltanschauung, daß alle Menschen gleichermaßen von Gott erschaffen und gleichwertig sind. Der zweite Faktor ist, daß diese Weltanschauung mit der Realität weitgehend übereinstimmt. Es ist nämlich in der Tat so, daß die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen verschiedener Rasse und Herkunft weit größer und fundamentaler sind, als das Trennende. Die Gene aller Menschen stimmen zu 99 % überein, und die instinktiven Verhaltensweisen und Empfindungen sind bei allen Menschen gleich. Wenn dies nicht der Fall wäre, könnten Menschen unterschiedlicher Rasse keine Kinder miteinander bekommen, und sie würden einander nicht attraktiv und begehrenswert finden, und sie hätten nicht den Wunsch, miteinander Kinder zu haben. Wenn diese grundlegende Übereinstimmung zwischen allen Menschen nicht wäre, dann könnten sie nicht die Sprache des anderen erlernen und sogar vollkommen akzentfrei sprechen lernen.

In der amerikanischen Praxis war es bisher so, daß die Schulen die amerikanischen Werte und die amerikanische Kultur an die Kinder der Einwanderer vermittelten und damit ab der zweiten Einwanderungsgeneration für eine nahezu vollständigen Integration sorgten. Beunruhigend ist, daß in den Slumgebieten der amerikanischen Großstädte viele Kinder der Slumbewohner wohl nicht zur Schule gehen, weil die Schulpflicht dort wohl nicht mehr durchsetzbar ist. Damit werden diese Kinder nicht mehr in die amerikanische Gesellschaft integriert. Die USA ist also auf dem Rückzug aus den Slumgebieten, und im Gegenzug werden die Slumgebiete sich immer weiter ausbreiten.

Das Spanisch der Mexikaner dagegen ist in den USA auf dem Vormarsch. Es gibt im US-Fernsehen mindestens zwei spanischsprachige Kanäle. Der Zustrom von lateinamerikanischen Menschen nach USA hält unvermindert an.

Schon heute ist es so, daß im Stadtgebiet von New York, Los Angeles und Chicago die europäisch-stämmige Bevölkerung in der Minderheit ist, während auf dem flachen Lande nach wie vor das europäische, speziell das West- Mittel- und nordeuropäische Element überwiegt. Es ist fast wie in Südtirol, wo die Alteingesessenen auf den Dörfern sitzen, während in der Großstadt Bozen die später Hinzugekommenen überwiegen.

Die USA ist nach wie vor die Schlüsselmacht auf der Welt, was in New York, Chicago und Hollywood gedacht und gemacht wird, bestimmt, wo's in der Welt langgeht. Aber leider ist die amerikanische Politik wie diese amerikanischen Städte: Großes und Erhabenes liegen eng neben Häßlichem und Verworfenen. Das ganze ist ein ziemliches Durcheinander, und nur ein Prinzip ist unveränderlich: Erst Sicherung und Maximierung der Gewinne, dann humanitärer Anspruch. Aber immer noch besser als eine Politik der Machtmaximierung ohne humanitären Anspruch.

Noch eine Beobachtung: Auf dem Broadway in New York sah ich die Leuchtreklame: "Too much ist not enough" ("Zu viel ist nicht genug"). Da dachte ich mir: "Typisch amerikanisch. Amerika: Die maßlose Nation". Nirgends gibt es auch so viele Menschen, die so fett sind, und zwar in einem Maße, daß man manchmal nicht seinen Augen traut. Das gilt aber nicht für die Mittel- und Oberschicht. Die bemüht sich schlank und schön zu sein. Maßlos auch die Architektur. Die älteren Wolkenkratzer haben viele griechische Stilelemente, Säulen und Tempelgiebel. Das griechische Ideal war das menschliche Maß. Das wurde durch die New Yorker Architektur gesprengt.

Maßlos auch der Konsum in den USA. Alles wird in Riesenpackung verkauft und wohl auch konsumiert. Die betten in den Hotels sind überbreit, ein Einzelbett reicht schon fast als Doppelbett. Die Portionen sind übergroß, so daß man fast zu zweit davon satt werden kann.

Von dem was, die USA konsumieren, könnten Mittel- und Südamerika mit satt werden.

Die USA sind der Löwe unter den Nationen; die größte und mächtigste Nation der Welt. Und es sind auch die Eigenschaften des Sternzeichens Löwe, die ich im amerikanischen Charakter wiedererkenne. Da ist die Kraft und die Kraftreserven, die Großzügigkeit im Denken und Handeln. "Think big" ist ein typisch amerikanischer Spruch. Da ist auch die Bedeutung der Oberfläche, der Präsentation, die in Amerika ganz klar erkannt wird. Die Fassade ist für die Amerikaner der Kern der Sache. Da ist die Härte gegen sich und andere, aber auch die Sentimentalität. Allerdings hat der Löwe kein großes Interesse an den Verlierern und an den Schwachen. Für den Amerikaner zählt nur der Sieg und die Sieger. Und zu diesen will der Amerikaner immer gehören- koste es, was es wolle. Der Löwe ist großzügig - solange er den Löwenanteil bekommt. Aber von dem, was der Löwe den Hunden überläßt, können diese auch noch gut leben. Nur sollte sie nicht auf die Idee kommen, den Löwen zu spielen - so wie wir Deutschen das zweimal versucht haben.

Übrigens, Bill Clinton ist Löwe. Er und seine Nation stehen im Einklang. Deswegen war er so erfolgreich und beliebt. Er hat seine Nation verkörpert, und er hat sie verstanden. Und sie ihn.