Wer ist Sri Aurobindo Ghose ?
Text erstellt im August 2001 von
Quellen: Otto Wolf:
„Sri Aurobindo“, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, 1967
Sri Aurobindo wurde am 15. August 1872 in Kalkutta als Sohn des
Dr. med. Krishna Dhan Ghose
geboren. Sein Vater war Atheist und Anhänger der englischen Kultur. Als Sri Aurobindo 7 Jahre alt war, schickte er ihn und seine beiden
Brüder nach Manchester, England, damit sie eine englische Erziehung erhielten.
Zwei Jahre später übersiedelte ihre Pflegmutter nach London und er besuchte
eine Schule im Stadtteil West-Kensington. Er beschäftigte sich mit englischer
und französischer Literatur und europäischer Geschichte. Die drei Brüder
führten ein ärmliches Leben am Rande der Obdachlosigkeit. Da Aurobindo aber hochbegabt war, erhielt er kleines
Stipendium für das Kings College in Cambridge. In Cambridge studierte er
Altphilologie und erhielt weitere Stipendien und Auszeichnungen. Nach dem
Willen seines Vaters hätte Aurobindo Beamter im
Verwaltungsapparat der Engländer in Indien werden müssen. Aber dazu hatte Aurobindo keine Lust, und auch der Staatssekretär für
Indien, der Earl of Kimberley, kam zu dem Schluss, dass die Übernahme Aurobindos in den Staatsdienst nicht ratsam war, da er als
politisch unzuverlässig galt – er war aktives Mitglied eines nationalistischen
Verbandes indischer Studenten. Aurobindo wollte die
Engländer aus Indien hinausschmeißen. Da passte es sowohl dem Lord Kimberley
wie auch Aurobindo gut, dass Aurobindo
die Prüfung im Reiten nicht bestand und deshalb nicht Beamter der
Kolonialverwaltung werden konnte.
1893 kehrte Aurobindo nach Indien zurück. Er wurde Verwaltungsbeamter
des indischen Maharajas von Baroda,
Sir Sayaii Rao. Da war er aber fehl am Platz, und so
wurde er Englischlehrer am Baroda-College. Der Maharaja zog den gebildeten Mann als Ghostwriter und
Sekretär heran. Im Jahr 1906 wechselte Aurobindo ans
National Collegue in Kalkutta. In sein
Entlassungszeugnis schrieb der Maharaja, dass er gute
Fähigkeiten habe und intelligent sei, aber leider sprach er auch von
Unpünktlichkeit und Unregelmäßigkeiten. Vielleicht waren damit die
aufrührerischen Artikel gegen die Englische Herrschaft gemeint, die Aurobindo als politischer Journalist in verschiedenen
oppositionellen Zeitungen veröffentlichte. Anders als Ghandi
trat Aurobindo aber für das Recht auf bewaffneten und
gewaltsamen Widerstand ein. Aurobindo trat
Geheimgesellschaften bei, die für die Befreiung Indiens kämpften. Am 4. Mai
1908 wurde Aurobindo in Kalkutta verhaftet und ins
Gefängnis von Alipur gebracht. Dies brachte die Wende in seinem Leben.
Ab 1904 hatte sich Aurobindo ernsthaft mit Yoga beschäftigt. Im Jahr 1907 ließ
er sich vom Guru Visnu Bhaskar
Lele unterweisen und hatte einige machtvolle
Meditationserlebnisse. Er schreibt: „Seit diesem Augenblick wurde mein
geistiges Wesen eine freie Intelligenz, ein universaler Geist, nicht mehr
eingeschlossen in den engen Kreis des persönlichen Denkens...“.
Im Gefängnis von
Alipur hatte Aurobindo Gelegenheit das zu tun, was er
im Grunde schon seit einem Jahr vorhatte: sich von der Welt zurückzuziehen und
eine innere Gotteserfahrung zu machen. Er erschienen
ihm drei Hindu-Gottheiten und er erkannte, dass er und die Welt eine Einheit
bilden. Am 5. Mai 1909 wurde er freigesprochen. Er schrieb noch einen „Offenen
Brief“ an die britische Regierung, in welchem er ihr vorwarf, die wolle ihn
wieder verhaften. Das war aber nur ein Rückzugsgefecht. Er nahm das Schiff nach
Chandernagore, einer Stadt, die auf französischem
Territorium in Bengalen lag und kam am
4. April 1910 in Pondicherry, der Hauptstadt der
französischen Enklave in Südindien, an. Die Befreiung Indiens überließ er
Mahatma Gandhi.
In Pondicherry lebte Aurobindo und seine vier getreuen Mitstreiter zunächst von
der Unterstützung von Förderern und von Honoraren für Bücher, die er schrieb
oder übersetzte. Er gründete 1914 die Philosophische Zeitschrift „Arya“. Schon im Jahr 1910 war der Mann von Mirra Alfassa, der Autor Paul
Richards, nach Pondicherry gekommen und hatte die
Bekanntschaft Aurobindos gemacht. Ab 1910 stand Mirra mit Aurobindo in
Briefkontakt. Sie fragte ihn über die Bedeutung des Lotussymboles
(es bedeutet das Sich-öffnen des Bewusstseins
gegenüber höheren Einflüssen). Am 19. Mai 1914 traf Mirra
Richards -Alfassa, die zukünftige „Mutter“ des
Ashrams, in Pondicherry ein. 1915 mußten
die Richards wegen des Krieges nach Frankreich zurückkehren. Am 24. April 1920
war Mira wieder in Pondicherry – ohne ihren Mann.
Allmählich bildete sich um Aurobindo und „Mutter“ ein
Ashram, eine spirituelle Gemeinschaft und es strömten immer mehr Schüler
herbei. Im Jahr 1926, kurz nach seinem Geburtstag am 15. August, übertrug Aurobindo ihr die Gesamtleitung des Ashrams und zog sich in
sein Zimmer im ersten Stock des Ashram-Hauptgebäudes zurück. Für seine Schüler
war er nur schriftlich oder über die „Mutter“ zu erreichen.
Am 24. November
1926 geschah etwas ungewöhnliches: „Mutter“ Mirra Alfassa rief die Mitglieder
des Sri-Aurobindo-Ashrams zusammen. Nach einer
einleitenden Meditation zogen die Mitglieder dieser spirituellen Gemeinschaft
einzeln an der „Mutter“ und Sri Aurobindo vorbei.
Jeder empfing einen besonderen Segen.
Was war geschehen ? Der „Übergeist“ war auf Aurobindo
herniedergekommen.
Der „Übergeist“,
das war eine wichtige Stufe zum Zustand des „Überbewusstseins“.
Den Rest seines
Lebens, bis zu seinem Todestag am 5. Dezember 1950 verbrachte Sri Aurobindo in seinem Zimmer in der ersten Etage des
Hauptgebäudes des Sri-Aurobindo-Ashrams in Pondicherry. Er schrieb Bücher, las und meditierte. Sein
Ziel war es, das „Überbewusstsein“ zu erlangen. Ob es ihm gelungen ist, bleibt
unklar.
Der Leichnam von
Sri Aurobindo wurde erst 111 Stunden nach seinem Tod
beigesetzt. Die dazu erforderliche, immer wieder erneuerte polizeiliche
Erlaubnis hatte „Mutter“ eingeholt. Warum versuchte sie die Bestattung trotz
der Seuchengefahr in dem feuchtheißen Klima immer wieder hinauszuzögern
? Weil sie glaubte, Sri Aurobindo würde als
Übermensch im Astralleib wiederauferstehen.