Wer ist Mirra Alfassa (genannt „Mutter“) ?

Text erstellt im August 2001 von Richard Beiderbeck, www.koinae.de

 

Mirra Alfassa kam 1878 am 21. Feb. 1878 in Paris als Tochter einer Ägypterin und eines Türken zur Welt. Sie war mit dem jüdischen Geschlecht der Alfassa verwandt. Ihre Eltern traten leidenschaftliche für den Materialismus ein. Ihr Vater war ein bekannter Bankier und Mathematiker, ihre Mutter war bis zum Jahr 1888 Anhängerin von Karl Marx. Die junge Mirra erhielt Unterricht in Mathematik, Klavierspielen und Malerei (bei Gustve Moreau). Sie heiratete den  Maler Henry Morriset. 1904 erschien ihr im Traum ein Mann, der wie der Hindu-Gott Krishna aussah. Seither wartete sie darauf, ihm zu begegnen. Im Herbst 1905 schien es soweit zu sein: sie begegnete in Paris dem Okkultisten Max Théon und seiner britische Frau Alma. Théon war aber noch nicht der richtige. Den traf Mirra erst 1914 in Pondicherry: Sri Aurobindo. Trotzdem machte Théon großen Eindruck auf sie. Zwischen 1906 und 1907 war Mirra Alfassa Moriset längere Zeit in Zarif, einem Vorort von Tlemcen (Algerien), wo sie bei Max Théon in die Lehre ging.

Der „unbekannte Okkultist“ Max Theon (von 1848 oder 1850 bis 10. März 1927) hieß eigentlich Ludwig Maximilian Bimstein; er wurde in Warschau geboren, seine Eltern kamen aus Krakau. Sein jüdischer Name war Eliezer Mordechai Théon. Er studierte Altphilologie. 1870 finden wir ihn in England, wo er Mitglied im Vorstand der mystischen Geheimgesellschaft „Hermetische Bruderschaft von Luxor“ wurde, unter deren Mitgliedern viele Okkultisten waren. Die wohl bekanntesten Mitglieder der „hermetischen Bruderschaft von Luxor“ waren George Bulwer-Lytton (1803 bis 1873) und Helena Petrovna Blavatsky (30. Aug. 1831 bis  8. Mai 1891).

Bulwer-Lytton ist Autor des Romans „Die letzten Tage von Pompei“. Als Madame Blavatsky, die wohl bedeutendste Okkultistin des 19. Jahrhunderts,  im Jahr 1875 die „Theosophischen Gesellschaft“ gründete, waren Mitglieder der „Hermetischen Bruderschaft von Luxor“ beteiligt.

„Die Theosophie fügte der neuheidnischen Magie einen orientalischen Habitus und eine hinduistische Terminologie bei. Man kann auch sagen, sie eröffnete einem bestimmten luziferischen Orient die Wege ins Abendland. Mit dem Namen Theosophie belegte man schließlich die ganze weitreichende Renaissance der Magie, die zu Beginn des 20.ten Jahrhunderts so viele Geister in Aufruhr gebracht hat“, schreiben Pauwells und Bergier im „Aufbruch in das Dritte Jahrtausend“.

Bulwer-Lytton war auch Mitglied der englischen Rosenkreuzer-Gesellschaft, die 1867 von Robert Wenworth Little gegründet worden war. Aus der Rosenkreuzer-Gesellschaft ging 1887 die freimaurerische Geheimgesellschaft „Hermetic Order of Golden Dawn“ hervor. Dessen bekanntestes Mitglied war der Satanist Aleister Crowley. Das Buch von Bulwer-Lytton „Die kommende Rasse“ gab Anstoß zu der Gründung der „Loge der Brüder des Lichtes“ oder „Vril-Gesellschaft“. Derjenige, der zum Meister des Vril wird, ist Herr über sich selbst, über seine Mitmenschen und über die Welt. Die „Vril-Kraft“ ist die ungeheurere göttliche Energie. Diese Meister des Vril leben in dem Roman von Bulwer-Lytton im Innern der Erde.

Doch zurück zu Max Theón. Während seiner Zeit in Ägypten ging er gemeinsam mit Madame Blavatsky bei dem koptischen Magier Paulos Metamon in die Lehre. Metamon hatte in jungen Jahren Indien besucht und war Vorsitzender der „Bombay Arya Samay“.

Théon war also eine Größe in der Szene der von orientalischer Mystik inspirierten Geheimbünde, in denen die Schwarze und die Weiße Magie blühte. Die Schwarze Magie lässt sich über Crowley, den Neutemplerorden und die Thulegesellschaft bis hin zu Hitler verfolgen, die Weiße Magie hin bis zu „Mutter“ Mirra Alfassa.

Théon benötigte Mirra wegen ihrer medialen Fähigkeiten. Théons Symbol war eine Lotusblüte (eine Seerosenart) im jüdischen Davidsstern. Mirra machte dieses Symbol, leicht modifiziert (der Stern bekam andere Proportionen), zu Sri Aurobindos Symbol. Das Symbol bedeutet die Verbindung der Liebe des Göttlichen zur Welt und der Welt zum Göttlichen. 

Im Jahr 1914 (am 29. März) besuchte Mirra Alfassa, die inzwischen den englischen Autor Paul Richards geheiratet hatte, erstmals Pondicherry und stand  Sir Aurobindo gegenüber. Über ihre Begegnung mit Sri Aurobindo schreibt sie: „Sobald ich Sri Aurobindo sah, erkannte ich in ihm das wohlbekannte Lebewesen aus meinen Träumen, das ich „Krishna“ nannte... und dies ist genug, um zu erklären, warum ich vollständig davon überzeugt bin, dass mein Platz und meine Arbeit an seiner Seite sind. An ihn habe ich alles ausgeliefert, meinen Willen, mein Leben und mich selbst; für ihn bin ich bereit, mein Blut zugeben, Tropfen für Tropfen, wenn dies sein Wille ist, mit vollkommener Freude; und nichts in seinem Dienst wird ein Opfer sein, alles ist eine vollkommenes Vergnügen“. Die Kriegsereignisse (oder war es die Tatsache, dass Mirras Herz jetzt Sri Aurobindo gehörte ?) zwangen Paul Richards und seine Frau, Pondicherry zu verlassen. Nach ihrer zweiten Rückkehr (diesmal ohne ihren Mann), am 24. April 1920 nahm Mirra Alfassa die Organisation der kleinen spirituellen Gemeinschaft in die Hand und hatte dabei außerordentlichen Erfolg. Nach dem Rückzug von Sri Aurobindo im Jahr 1926 gründete „Mutter“ formal den Sri Aurobindo Ashram. Heute hat das Ashram 1200 Mitglieder. Es gibt ein Erziehungszentrum mit 400 Schülern und Produktionsbetriebe und Handelsfirmen.

1964 fasste Mutter den Plan, außerhalb von Pondicherry den Ort „Auroville“ zu gründen. Die Einweihung war 1968. Auf der Webseite von www.miraura.org/aa/av/av-dream.htm heißt es: „Es sollte einen Platz auf Erden geben, den keine Nation als Eigentum für sich beanspruchen konnte, ein Platz, wo alle Lebewesen guten Willens, ernsthaft in ihrem Bemühen, frei als Weltbürger leben konnten, einer einzigen Autorität gehorchend, die der erhabenen Wahrheit; ein Platz des Friedens, der Eintracht, der Harmonie, wo alle Kampfinstinkte des Menschen ausschließlich dazu benutzt würden, die Ursachen von Leid und Elend zu erforschen, um die Schwäche des Menschen zu übersteigen und über seine Grenzen und Unfähigkeiten zu triumphieren...“

In der Auroville Charta heißt es: „Auroville soll ein Platz der niemals endenden Erziehung, des konstanten Fortschrittes und der Jugend, die niemals altert, sein...Auroville soll ein Ort der materiellen und spirituellen Forschung sein...“

In Auroville leben zur Zeit 1000 Menschen aus 30 verschiedenen Nationen. In Auroville wird zur Zeit am „Matrimandir“, dem „Tempel der Göttlichen Mutter“ gearbeitet. Dies verwundert nicht, denn Mirra Alfassa hat schon zu Lebzeiten versucht, eine Göttin zu werden, und zwar viel konkreter, als man sich das vorstellt.

Über den Sri-Aurobindo-Ashram schreibt „Agniprem“:

Der Ashram ist ein menschliches Laboratorium. Hier wird das anscheinend Unmögliche durchgeführt: die konzentrierte, gewollte Entwicklung über den Menschen und seinen Geist hinaus. Der erste Schritt ist, die Grenzen des eigenen Ich zu überwinden und ein universelles Bewusstsein zu erlangen. Ist dies in großem Umfang erreicht ? Ehrlich gesagt: nein. Aber es wurden Fortschritte gemacht. Eine Handvoll von Individuen im Ashram haben diese erste Stufe erreicht. Aber man würde sie nicht erkennen, wenn man ihnen gegenübersteht. Aber dies ist nur der erste Schritt einer noch viel längeren Reise. Das Ziel ist die Entwicklung eines über das normale Bewusstsein hinausgehendes „Überbewusstsein“ in einem lebenden, denkenden Körper, und die Verwandlung von all dem (auch des Körpers) in eine höhere Natur und ein höheres Bewusstsein. Das Bewusstsein soll in den Körper gebracht werden, dann auf die noch tiefere Ebene der Zellen, dann auch die noch tiefere Ebene der Materie. Dadurch soll aus dem  irdische Leib in universeller Leib entstehen, in dem das Göttliche lebt und denkt. Diesen Zustand kann man nicht durch die Kraft seines menschlichen Geistes erreichen, sondern der Göttliche Geist muss auf einen niederkommen.

 

Als Sri Aurobindo am 5. Dezember 1950 starb, war dies ein schwerer Schock für Mirra Alfassa. Ihre eigene Sterblichkeit muss ihr unerbittlich zu Bewußtsein gekommen sein. Sie suchte einen Weg, dieser Sterblichkeit zu entkommen. Von nun an beschäftigte sie sich intensiv mit spirituellen „Experimenten“, die letztlich wohl das Ziel hatten, die Sterblichkeit des irdischen Leibes zu überwinden. Sie versuchte also durch die magische Kräfte, die ihr der Zustand des Überbewusstseins verleihen sollte, die Materie ihres Körpers in einen Zustand zu bringen, der dem des Astralleibes der Verstorbenen gleicht. Der Astralleib ist ein „feinstofflicher“ Körper, man könne sagen, der Körper eines Gespenstes. Aus der Sicht der heutigen Esoteriker ist dieser Leib ein vier oder fünfdimensionaler Leib, der weniger materiell und „erdenschwer“ ist als der irdische Leib. Genaugenommen wollte Mirra Alfassa zu Lebzeiten ein Gespenst werden. Aus ihrer Sicht war sie wohl dabei, eine unsterbliche Göttin zu werden.

Aurobindo hatte, ganz in der indischen Tradion des Idealismus, versucht, den Geist zu transzendieren und das Überbewusstsein zu erlangen. Mirra Alfassa, die sich selbst einmal „den größten Materialisten“ nannte, versuchte, mit den Mitteln des Geistes und der Magie (Okkultistin, die sie war) die Materie zu transzendieren und aus dem Körper den Astralleib zu schaffen, der frei von allen Krankheiten, allen Leiden und aller Sterblichkeit war. Sie wollte ihren Körper einem alchimistischen Prozess unterziehen und Blei in unvergängliches und strahlendes Gold verwandeln.

 

Mirrra Alfassa muß im Lauf der Jahrzehnte eine große Erfahrung darin gesammelt zu haben, sich in Bewußtseinzustände zu versetzen, die vom normalen Wachzustand, aber auch vom Schlafzustand abwichen. Schon als Jungendliche hatte sie spirituelle Erfahrungen gehabt. Ihr war es sicher möglich, sich mit Hilfe von Yoga-Techniken in einen Zustand zu versetzen, der dem Zustand von Schamanen gleicht, die sich auf „Seelenreisen“ begeben, während ihr Körper halbtot daliegt. Es war ihr wohl auch möglich, „luzide Träume“ zu haben, d. h. bei wachem Bewußtsein zu träumen und den Ablauf des Traumgeschehens zu steuern. Und es gab wohl auch Momente, in denen sie die „mystische  Schau“, also einen Zustand der Erleuchtung, in der man sich mit dem Kosmos eins fühlt, erreichte. Dies ist der Zustand des „Überbewusstseins“.

Um die Zellen Ihres Körpers zu einem neuen „Überbewusstsein“ zu erwecken, benutzte sie das Mantra „OM NAMO BHAGAVATE“. Matras sind von medierenden Yogis endlos wiederholte Worte, die das Bewusstsein auslöschen sollen, um so Platz für das göttliche Bewusstsein zu machen. Mir scheint es aber, die Okkultistin Mirra Alfassa hat versucht, dieses Mantra als magischen Zaubersspruch benutzt, um ihren Körper in ein unsterbliches Wesen zu verwandeln. 

 

Über ihre Experimente und Erfahrungen (die 1951 begannen) führte sie in der Zeit von 1954 bis zu ihrem Tod im Jahr 1973 mit Satprem lange Gespräche, von denen er teilweise Tonbandaufnahmen mitschnitt. Aus diesen Gesprächen ist das 13-bändige und 6000 Seiten umfassende Werk „Mothers Agenda“ entstanden. Satprem hat versucht, diese gewaltige Fülle an Material in verschiedenen Büchern zusammenzufassen.

Ich vermute, Mirra Alfassa geriet in den letzten Jahren ihres Lebens (sie starb im Alter von 95 Jahren) zunehmend in Isolierung. Es missfiel wohl den Mitgliedern des Ashrams, dass sie so viel mit Satprem zusammen war und sich mit ihm in Französisch unterhielt. Satprem schreibt in „Der Mensch hinter dem Menschen“: „Im Mai 1973 schloß sich die Tür zu der Mutter. Sie war nun allein. Ich war allein. Bald sah ich mich der ganzen Meute gegenüber: Da gab es ja noch diese „Agenda der Mutter“, nicht wahr, diese Aufzeichnungen, die so gefährlich waren für die „Jünger“, dieses Geheimnis einer Zukunft, die nicht das geringste mit Spiritualität zu tun hatte. Ich wurde verleumdet, verfolgt bis in den Himalaja, mit Prozessen bedroht, bei der indischen Regierung angeschwärzt und von der Polizei belästigt, und ich habe nie erfahren, wer diese beiden Mörder in die Felsschlucht geschickt hat. Das nennet sich „spirituelles“ Leben, sagte die Mutter. Sie haben sogar eine falsche „Agenda“ herausgegeben, um das Erscheinen der Wahren zu verhindern. Die alten Anthropoiden sind erbarmungslos gegenüber denen, die nicht ihrem eigenen Stamm angehören.“

Satprem glaubte, dass die Zellen Mirra Alfassas unsterblich seien. Deshalb war es aus seiner Sicht ein schwerer Fehler, „Mutter“ zu begraben. Mit ihr würde die Menschheit eine gewaltige Hoffnung zu Grabe tragen. Er rechnete fest damit, dass sich Mirras Körper nach einem Zustand des Scheintodes in einen Astralleib verwandeln würde.

Am 17. November 1973 starb Mirra Alfassa. Am nächsten Tag war sie in der Halle im Erdgeschoß des Hauptgebäudes aufgebahrt. Drei Ärzte des Ashrams erklärten sie für tot. Aus ihren Krankheitssymptomen kann man auf Herzversagen schließen.

Satprem glaubte aber weiterhin, dass der Tod nur ein Irrtum sein. Er glaubte: Wenn die Körperzellen wissen, dass sie unsterblich sind, werden sie auch unsterblich sein.

Satprem war ein armer Narr. Letztlich war er das Opfer seiner schrecklichen Erfahrungen, die er im KZ machen musste. Das KZ hat ihm eine unauslöschliche Furcht vor dem Leid und dem Tod eingeflößt, und sein Leben lang war er auf der Suche nach der Erlösung vom Tod. In Mutter hatte der Rastlose endlich jemand gefunden, der ihm Unsterblichkeit verhieß. Deshalb saß er 13 Jahre lang zu ihren Füßen und hörte ihr fasziniert zu. Für ihn war sie nicht ein altes Weib, sondern die große Göttin. Als so gestorben war, wurde er ihr Prophet.