Zweifel am Kreuzestod Jesu
Von Richard Beiderbeck, www.koinae.de
Die
Texte der Bibel über Kreuzigung und Auferstehung
Zweifler und Beinahe-Zweifler am Kreuzestod Jesu:
Pontius Pilatus
Der Erste, der daran zweifelte, dass Jesus wirklich am Kreuz gestorben sei, war Pontius Pilatus. In Marcus 15, Vers 42 folgende, heißt es: „Und als es schon Abend geworden war (es war nämlich Rüsttag, das ist der Tag vor dem Sabbat), kam Joseph von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der ebenfalls auf das Reich Gottes wartete, und wagte es, ging zu Pilatus und erbat sich den Leib Jesu. Pilatus aber verwunderte sich, dass er schon tot sein sollte, ließ den Hauptmann zu sich rufen und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei“.
Schleiermacher
Der Theologe und Philosoph Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) schrieb in „Das Leben Jesu“ (Seite 442-443): „Es ist in der neuern Zeit häufig darüber gestritten worden, wie es sich mit dem Tode Jesu verhalte, wiefern es etwas natürliches und der Sache gemäßes sei, dass er in einem so kurzen Zeitraum wie die Kreuzigung wirklich gestorben sei, und ob deswegen sein Tod als ein wirklicher Tod angesehen werden könne ?“
Der
Theologe Carl Friedrich Bahrdt (1741-1792) wohl er erste, der in einem Buch den
Tod und die Auferstehung Jesu in Zweifel zog. 1786 schrieb er im Zehnten Band seines
Werkes „Ausführung des Plans und Zweks Jesu“: „Jesus ist hingerichtet worden:
er hat alle Leiden eines Missethäters, alle Quahlen des Todes ausgestanden,
aber – er hat sie auch überstanden – er ist vom Tode zum Leben
hindurchgedrungen – er ist aus der Begräbnißhöhle, in welche er zwar nicht tod,
aber dem Tode nahe und äuserst entkräftet – durch die Vorsorge eines Vertrauten
erhalten und verpflegt - am dritten
Tage nach der Hinrichtung – als ein völlig hergestellter wieder aus der
Grabhöhle heraus gegangen...“
In
seinem Buch (Seite 282) „Das Leben Jesu“ schreibt der Theologe Heinrich
Eberhard Gottlieb Paulus (1761-1851): „ Muß nun dieser erstarrte Leib in diesem
Augenblicke oder auch nur während der nächsten Stunde, wo er noch in der Anspannung
blieb, auch in seinen innersten Theilen abgestorben gewesen seyn ?“
Der
Theologe David Friedrich Strauss (1808-1874) schreibt in seinem Buch: „Das
Leben Jesu“: „Wir halten uns lediglich daran, dass er an’s Kreuz geschlagen und
von dem selben nach allgemeinem Dafürhalten als todt wieder abgenommen worden
ist. Für die Prüfung seines Todes kommt besonders die Frage in Betracht, wie
lange Jesus sowohl vor als nach dem anscheinenden Eintritt desselben am Kreuze
gehangen hat... wogegen, wenn er nur nach wenigen Stunden schon gestorben
schien und sofort vom Kreuze abgenommen wurde, dies möglicherweise eine bloße
Betäubung gewesen sein konnte, von der er sich wieder erholen mochte. Aus
Matthäus (27, Vers 45 und folgende) und Lucas (23, Vers 44 und folgende) nun
wissen wir nur, dass daß Jesus etwas über drei Stunden lebend am Kreuz gehangen
haben muß; denn... sie lassen um die sechste Stunde (d. h. Mittag 12 Uhr) eine
Finsterniß entstehen und diese bis um die neunte (Nachmittags 3 Uhr) andauern,
worauf sie dann den Tod Jesu erfolgen lassen. Nach Marcus (15, Vers 25) wäre
Jesus um die dritte Stunde gekreuzigt worden, hätte also sechs Stunden lebend
am Kreuz gehangen. Dagegen lässt Johannes (18, Vers 28) ungefähr um die sechste
Stunde, d. h. Mittags...den Pilatus erst das Urtheil sprechen; und wenn nun mit
der Hinausführung und Kreuzigung doch auch noch einige Zeit hinging, während
andererseits vor dem Anbruch des folgenden Tages, d. h. nach jüdischer Rechnung
vor abends sechs Uhr (Anmerkung: des Vortages), Joseph von Arimathäa den
Procurator um den Leichnam Jesu gebeten und nach erhaltener Erlaubnis denselben
abgenommen haben soll: so kämen höchstens zwei bis drei Stunden heraus, die
Jesus vor, und wahrscheinlich noch weniger, die er nach dem Aufhören der
Lebenszeichen am Kreuze gehangen haben könnte.
Nach
Marcus (15, Vers 44) hätte Pilatus sich selbst über den so früh eingetretenen
Tod gewundert, doch dass er wirklich erfolgt war, von dem wachhabenden
Hauptmann erfahren; nach Johannes hätte er auf die Bitte der Juden Soldaten
geschickt, um durch Zerschlagung der Beine den Tod der drei mit einander
Gekreuzigten gewiß und deren Abnahme noch vor Anbruch des folgenden Fest- und
Sabbattages thunlich zu machen; statt dessen dann einer der Soldaten, da sie
Jesus schon gestorben fanden, ihm nur mit der Lanze einen Stich in die Seite
gegeben, dieser aber das Ausfließen von Blut und Wasser zur Folge gehabt hätte.
An diesen Lanzenstich hat man den sichersten Beweis für die Wirklichkeit des
Todes Jesu zu haben geglaubt; allein nicht nur ist, was er zur Folge gehabt
haben soll (Anmerkung: dass Blut floß), etwas Unmögliches (Anmerkung: Leichen
haben keinen Blutdruck und bluten deshalb nicht)...
Strauß
schreibt dann sinngemäß: „Hier stehen wir an der entscheidenden Stelle:
Entweder verzichten wir auf unser ganzes Unternehmen, das Leben Jesu einer
historisch-naturwissenschaftlichen
Betrachtungsweise zu unterziehen und sagen, dass historische und
naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen auf das Leben Jesu nicht anzuwenden
sind. Oder wir bleiben bei unserer rationalen Theologie und sagen, dass sich
die Auferstehung Jesu am plausibelsten dadurch erklären lässt, dass Jesus als
Scheintoter die Kreuzigung überlebt hat und nach seiner Genesung den Jüngern in
Fleisch und Blut erschienen ist.
Die
rationale Betrachtungsweise berührt natürlich den Nerv des bisherigen
Christentums; es wird viele Leute geben, die gegen jedes freie Wort in dieser
Angelegenheit sehr empfindlich sind, und es kann für den, der es ausspricht,
negative Folgen haben. Aber an den Forscher geht die Aufforderung, alle diese
Rücksichten beiseite zu lassen und ganz unumwunden und ganz bestimmt, ohne
Zweideutigkeit und ohne Vorbehalte hierüber sich auszusprechen.
Dann
schreibt Strauß wörtlich: (Nach Ansicht der Befürworter eines Scheintodes: )
„... wenn Jesus schon nach etwa sechs Stunden, zwar vermeintlich todt, vom
Kreuze abgenommen worden, so spreche alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieser
vermeintliche Tod nur eine todähnliche Erstarrung gewesen, von der sich Jesus
nach der Abnahme vom Kreuz in der kühlen Gruft, in wundenheilende Salben und
kräftig duftende Spezereien gehüllt, wieder erholt habe. Dabei pflegt man sich
auf eine Geschichte des Flavius Josephus zu berufen, welcher erzählt... er habe
viele jüdische Gekreuzigte angetroffen, und darunter drei Bekannte gesehen,
habe er diese von Titus losgebeten; sie seien sorgfältig gepflegt, auch
wirklich einer gerettet worden, während die andern zwei nicht mehr zu retten
gewesen.“
Dann
kommt aber Strauß doch zu dem Schluß, dass die Theorie vom Scheintod Jesus
einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise nicht standhält, denn: „Ein halbtodt
aus dem Grabe Hervorgekrochener, sich Umherschleichender, der ärztlichen
Pflege, des Verbandes, der Stärkung und Schonung bedürftiger, und am Ende doch
dem Leiden Erliegender, konnte auf die Jünger unmöglich den Eindruck eines
Sieger über Tod und Grab, des Lebensfürsten, machen...“
Von
Jakob Andreas Brennecke (1765 - ?) erschien 1819 in Lüneburg die Schrift:
„Biblischer Beweis: dass Jesus nach seiner Auferstehung noch sieben und zwanzig
Jahr leibhaftig auf Erden gelebt und zum Wohl der Menschen in der Stille
fortgewirkt habe. JESUS zu Ehren, allen Theologen zu ernster Prüfung
empfohlen.“ Nach Brennecke stirbt Jesus in seinem 61. Lebensjahr in einem
Himmelbett.
Johann Peter Wachter (1673-1757)
Er war wohl der erste, der Jesus für einen Zögling der Essäer hielt (In seinem Manuskript vom Jahr 1713, umgearbeitet 1716 und 1717). Der Titel seines Werkes: „De primordiis Christianae religionis libri dua, quorum prior agit de Essaeis Christianorum inchoatoribus, alter de Christianis, Essaerum posteris“ – „Zwei Bücher über die Ursprünge der Christlichen Religion, deren erstes von den Essäern handelt, die den Grund für die Christen legten, das andere von den Christen, den Nachfolgern der Essäer“). Dies griffen Bahrdt, Venturini und vor allem auch die Freimaurer auf, aber auch viele andere. Christian Carl Friedrich Wilhelm Freiherr von Nettelbladt (1779-1843) zog das Werk von Venturini zur Ausarbeitung der „freimaurerischen Tradition“ der Großen Landesloge von Deutschland heran. Die Kirchen dagegen lehnten diese Theorien damals ab.
Philipp Friedrich Hermann Klencke (1813-1881)
Im
Jahr 1849 erschien in Leipzig die Erstausgabe eines kleinen Büchleins mit dem
Titel: „Wichtige historische Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jesu.
Nach einem alten, in Alexandrien gefundenen Manuskripte von einem Zeitgenossen
Jesu aus dem heiligen Orden der Essäer. Aus einer lateinischen Abschrift des
Originals übersetzt“. Der Autor wurde nicht genannt. Aber der Pastor der
Annenkirche zu Dresden, Gustav Böttger (1808-?) nannte als Verfasser den
Medizinprofessor Philipp Friedrich Hermann Klencke aus Braunschweig. Klencke
wies das zurück. Aber der Verdacht bleibt begründet, denn Klencke hat in seinem
200 Bände umfassenden literarischen Werk einige Plagiate herausgegeben, und auch
seine „Enthüllungen“ greifen auf den Roman Venturinis zurück, wie schon Böttger
erkannte.
Nach
Ansicht von Joachim Finger in „Jesus, Essener, Guru, Esoteriker ?“ ist der
Autor Friedrich Clemens, eigentlich F.C. Gierke.
Die
„Enthüllungen“ erlebten innerhalb von zwei Jahren sieben Auflagen. Die Reaktion
der Kirchen kam prompt. Z. B. hieß es am 18. Mai 1849 in der Zeitschrift Sion:
„Ein Werk, von höllischer Feder geschrieben, hat zu Leipzig im letzten März die
Presse verlassen. Teuflische Keckheit, unverschämte Anmaßung zeichnen es
aus...Mit Schauder und Entsetzen gehen wir daran, diese neue Ausgeburt des
Antichrist unseren Lesern vor Augen zu führen. Hier gehen der Geldgeiz, der
Unglaube, die Lüge, die Gottlosigkeit Hand in Hand, um einen neuen Versuch zu machen,
dem deutschen Volke seinen Glauben zu rauben...Voltaire und seine Horde würden
sich darüber entsetzen. Selbst Celsus, Julian, Cäcilius und Consorten haben so
abscheuliche Waffen nicht geführt“.
Klencke
hatte den Nerv getroffen. In den Jahren 1849-1851 veröffentlichte der Autor der
Enthüllungen neun weitere Schriften über seine Essäerthese. Er zieht den
Schluß, dass Christus den Menschen nicht aufs Jenseits verwiesen habe. In der
Tat verkündete Jesus das baldige Kommen des Reiches Gottes im Diesseits. Das
„echte Christentum“ hätte sein Vorbild in der Brüdergemeinde der Essäer. In den
christlichen Kirchen sah er den eigentlichen Urheber des politischen
Despotismus und der sozialen Ungerechtigkeit. Sie sollten in der Revolution von
1848 (zu dieser Zeit entstanden wohl die Enthüllungen) bekämpft und vernichtet
werden. In „Der wahre christliche Staat“ schrieb er: „Das Ziel der Revolution
ist also nicht allein die Zerstörung des Despotismus, sondern vielmehr in der
Erzeugerin desselben, die Kirche, gesetzt“. Statt der kirchlichen Religion
hoffte er auf eine „Religion der Zukunft“, in welcher der „absolute Geist“ sich
offenbaren werde.
Darüber,
dass das „alte, in Alexandrien gefundene Manuskript von einem Zeitgenossen Jesu“
nicht existiert, sondern eine Erfindung Klenckes ist, braucht man nicht weiter
diskutieren. Der Stil und die Sprache der „Enthüllungen“ ist so unverkennbar
der eines gebildeten Laien aus der Mitte des neuzehnten Jahrhunderts und ähnelt
so wenig einem Text, der im ersten Jahrhundert in Alexandria geschrieben wurde,
dass Klencke wohl kaum ernsthaft geglaubt haben dürfte, dass er die Welt
täuschen könne; weniger hart könnte man von „dichterischer Freiheit“ sprechen.
Der
Inhalt seiner „Enthüllungen“ ist kurzgefasst folgender: Jesus war der Sohn
eines Essäer, mit dem sich Maria eingelassen habe, weil sie glaubte, er sei ein
Engel. Die Essäer überredeten Joseph, Maria nicht zu verstoßen, Jesus
aufzuziehen und ihm dem Essäaer-Orden zu übergeben. So geschah es. Auch der
spätere Johannes der Täufer wurde in
den Orden aufgenommen und beide wurden gute Freunde. Als sie ihre Ausbildung
zum Mönch, Schriftgelehrter, Arzt und Wundertäter beendet hatten, ging Johannes
in die Wüste von Judäa, während Jesus nach Nazareth ging.
Joseph
von Arimathäa und Nikodemus sei ein Essäer gewesen. Joseph von Arimathäa habe
sich von Pilatus die Erlaubnis geholt, Jesus vom Kreuz abzunehmen und zu
begraben. Sie brachten den Leblosen in das nahegelegene Familiengrab Josephs
von Arimathäa und versorgten seine Wunden. Nach dreißig Stunden kam Jesus
wieder zu Bewusstsein, richtete sich auf und sagte: „Wo bin ich ?“ Joseph von
Arimathäa erzählte ihm alles. Man gab ihm Datteln, Brot, Honig und Wein. Als er
wieder einigermaßen wiederhergestellt war, brachte man ihn in ein nahe
gelegenen Haus eines Essäers. Den Jüngern erzählten sie, Jesus sei in Richtung
Galiläa gezogen. Die Wunden Jesu entzündeten sich und sein Allgemeinzustand
verschlechterte sich, und er fiel in einen tiefen Schlaf, der ihm neue
Lebenskraft gab. Nach dem Aufwachen verlangte er nach etwas Essbaren und konnte
ohne eigene Hilfe umhergehen. Schon bald wollte er zu seinen Jüngern gehen. Die
Essäer rieten ihm aber: „Bleibe tot für die Welt.“ Jesus wollte aber mit der
Verkündigung seiner Lehre weitermachen. Er setzte durch, dass er allein nach
Galiläa ziehen sollte. Unterwegs traf er sich dann mit seinen Jüngern. Joseph
von Arimathäa und Nikodemus blieben aber in seiner Nähe und die Essäer hielten
ihre schützende Hand über Jesus. Jesus gelangte auf Nebenwegen nach Galiläa und
begann am Fuße des Berges Karmel wieder zu predigen. Aber schon waren die
Häscher wieder unterwegs um ihn zu fangen. Deshalb ließ er sich überreden, sich
in die Einsamkeit zurückzuziehen. Er wurde auch immer schwächer und rechnete
mit seinem Tod. R bereitete seine Jünger auf den Abschied vor. Dieser war dann
auf dem Gipfel eines Berges, wo Jesus in der Abendsonne und den ersten Nebeln
verschwand, was als Himmelfahrt interpretiert wurde. Jesus zog sich aber in ein
Essäer-Kloster zurück und starb bald darauf.
1894 veröffentlichte der russische Journalist Nikolaus Notivic (oder Notowitsch) in Paris das Buch „La vie inconnue de Jésus Christus“ – „Das unbekannte Leben des Christus“). Im gleichen Jahr wurden Übersetzungen in Chicago, Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien herausgebracht. Die deutsche Übersetzung hieß: „Die Lücke im Leben Jesu“.
Das Buch war eine Sensation. Endlich schien es die Lücke zu schließen, die zwischen dem 12. und dem 30. Lebensjahr war. Außerdem bot es eine Erklärung der Parallelen zwischen Christentum und Buddhismus. Notovitch behauptete, der unter der Überschrift „Das Leben des heiligen Issa“ abgedruckte Teil seines Buches beruhe auf alten buddhistischen Manuskripten. Darin wird Jesus als ein Schüler des Buddha dargestellt. Später wurde nachgewiesen, dass „Das Leben des heiligen Issa“ eine Fälschung ist.
Mit dreizehn Jahren, so schreibt Notivitch, sei Jesus von zu Hause fortgelaufen und mit einer Handelskarawane nach Indien gelangt. Dort fand er Aufnahme bei den Brahmanen und begann mit dem Studium der Veden (die heiligen Bücher der Hindus). Doch er habe am Kastenwesen Anstoß genommen und sich die Feindschaft der Brahmanen zugezogen. Er sei weiter geflohen, wo er am Fuß des Himalaya die buddhistischen Schriften studiert habe. Kurz vor seinem 30. Lebensjahr sei er in seine Heimat zurückgekehrt.
In Deutschland erkannte man das Buch schnell als Fälschung. In den „alten buddhistischen Originaltexten“ Notovitch’s kommen einige Dinge vor, die es zur Zeit Jesu in Indien noch gar nicht gab.
Notovitch behauptete, den Quellentext „Das Leben des heiligen Issa“ 1887 auf einer Reise nach Indien und Kaschmir in Ladakh im Kloster Hemis Goupa zu Leh gefunden zu haben. Er habe einen Unfall habt (er fiel vom Pferd und brach sich ein Bein) und ein Mönche habe ihm – während er in dem Kloster genas – ein tibetanisches Manuskript vorübersetzt. Das Manuskript sei eine tibetanische Übersetzung eines ursprünglich in der Pali-Sprache abgefassten Textes. Die Texte konnten bei späteren Durchsuchungen des Klosters nicht mehr gefunden werden. Auch Holger Kersten suchte erfolglos.
Joachim Finger schreibt in „Jesus – Essener, Guru, Esoteriker ?“: „Notowitsch war nachweislich nicht in dem von ihm angegebenen Kloster. Zur Zeit Jesu gab es weder Tibet noch die Tibetische Schrift. In Tibet und in Indien gab es kein Pergament...Es ist hingegen durchaus wahrscheinlich, dass er Schriften zu Gesicht bekommen hatte, welche das Christentum im indischen Gewand darstellen. Der Arzt, der ihn behandelte, war kein tibetanischer Mönch, sondern in Wahrheit ein Herrenhuter (Mitglied der Herrenhuter Gemeinde). Und Herrenhuter Missionare hatten Evangelien und Bibelteile ins Tibetische übersetzt“.
Wer war dieser Notovitch ? Holger Kersten schreibt in „Jesus lebte in Indien“, 5. Auflage, Ullstein-Verlag, München:
Nicolai Alexandrovitch Notovic wurde als zweiter Sohn eines Rabbiners am 25. August 1858 in Kertsch auf der Halbinsel Krim geboren. Mit 17 ging er zum Militär und kämpfte auf der Seite der Serben gegen die Türken. Später wurde er Offizier der Kosaken. Er war begeisterter Panslawist. Er besuchte die Universität von St. Petersburg und studierte Geschichte. Er schrieb Theaterstücke. Unter dem Druck der antisemitischen Politik in Russland wechselte Notivich vom jüdischen zum russisch-orthodoxen Glauben über.
In
den Jahren 1883 bis 1889 unternahm er als Korrespondent der Zeitung Novoje
Vremja mehrere Reisen, die ihn durch den Balkan, den Kaukasus, Zentralasien und
Persien führten. 1887 reiste er in Richtung Indien. Vom 14. Oktober bis etwa
zum 26. November war er in Kashmir und Ladakh.
1895
wurde er kurz nach dem Erscheinen seines Buches in Petersburg verhaftet und in
die Festung Peter und Paul eingekerkert und ohne Gerichtsverfahren nach
Sibirien verbannt. 1897 durfte er aus dem Exil zurückkehren und machte eine
ausgedehnte Reise nach Ägypten. Ab1898 wohnte er in Paris und gab die
Zeitschrift „Russland“ heraus. Am 2. Juni 1899 wurde er in die „historisch-diplomatische
Gesellschaft“ aufgenommen. Dort hatte er Kontakt mit Mitgliedern der Familie
Rothschild. Von 1903 bis 1906 lebte er anscheinend zeitweise in London, dann
kehrte er wahrscheinlich nach Russland zurück. 1910 veröffentlichte er „Das
Leben des Heiligen Issa“ (Issa ist der Name, unter dem Jesus angeblich in
Kaschmir gelebt haben soll). Bis 1916 erscheint er in einem russischen
Zeitungskatalog er Redakteur und Herausgeber verschiedener Zeitungen, dann
verliert sich seine Spur.
Ein
wichtiges Produkt der literarischen Tätigkeit von Ghulam Ahmad ist sein Buch:
„Jesus in India – Ein Bericht über Jesu Entkommen vom Kreuzigungstod und von seiner
Reise nach Indien“. Man kann davon ausgehen, dass Ahmad das Buch von Notovitch
kannte. Vielleicht kannte er auch den Essäer-Brief.
Ghulam Ahmad führt in diesem Buch aus: Es ist ohne Zweifel bewiesen, dass Jesus nicht am Kreuz starb. Es gab keine Auferstehung und keine körperliche Himmelfahrt. Pontius Pilatus hielt Jesus für unschuldig und er richtete es so ein, dass Jesus erst am Freitag-Nachmittag, kurz vor Beginn des Sabbats ans Kreuz geschlagen wurde, so daß er schon bei Sonnenuntergang abgenommen werden musste. Als gesunder Mann von 33 Jahren konnte Christus nicht in so kurzer Zeit vom Tod überwältigt werden. Er wurde bewusstlos vom Kreuz abgenommen, seine Wunden wurden mit einer Salbe behandelt, die seine Jünger schon vorbereitet hatten. Diese Salbe ist seither als „Jesus-Salbe“ bekannt (Anmerkung: und wurde von Ghualams Bewegung wohl mit gutem Gewinn verkauft). Sein Körper wurde in ein Leinentuch gewickelt und er wurde in eine Grabkammer gelegt, die in den Felsen gehauen war. Er wurde gepflegt bis er wieder in der Lage war, aus eigener Kraft zu gehen. Ein paar Tage nach der Kreuzigung konnte er sich bereits mit seinen Jüngern treffen und ihnen die Wundmale zeigen. Er nahm Speisen zu sich und bewies damit, dass er kein Geist oder eine spirituelle Erscheinung war. Gott hat Jesus vor dem Kreuzestod errettet und ihn „spirituell erhöht“, das soll wohl heißen, seine Seele nach seinem tatsächlichen Tod in den Himmel aufgenommen hat, wo ihn Mohammed auf seiner Himmelsreise im zweiten Himmel antrifft.
Auf
Seite 64 und 65 von „Jesus in India“ schreibt Ahmad: „Es war Gottes Absicht,
dass die glänzende Waffe und die enthüllenden Vernunftgründe, die ein Ende mit
der Lehrmeinung vom Kreuz machen sollten, der Welt durch den Verheißenen
Messias (Anmerkung: d. h. Ghulam Ahmad) deutlich gemacht werden sollten,
insbesondere, da der Heilige Prophet (Mohammed) prophezeit hatte, dass die
Religion des Kreuzes nicht zum Abstieg kommen würde, noch würde ihr Fortschritt
eingeschränkt werden, bis der Verheißene Messias (Anmerkung: d .h. Ghulam
Ahmed) in der Welt erscheint. Er ist es, der es erreichen würde, dass das Kreuz
gebrochen würde (Anmerkung: d. h. dass dem Christentum das Rückgrat gebrochen
würde – durch Ghulam Ahmad). Diese Prophezeiung weist darauf hin, dass zur Zeit
des Verheißenen Messias Mittel zugänglich würden, durch die die Wirklichkeit
über das Ereignis der Kreuzigung offenkundig werden würde. Das wird das Ende
dieser Lehrmeinung sein. Es wird nicht durch Krieg oder Kampf zustande kommen,
sondern durch himmlische Mittel, die deutlich gemacht würden anhand von Wissen
und Verstandeskräften...Und so ist es geschehen. Nun, da der Verheißene
erschienen ist, werden alle Augen geöffnet und die Leute werden darüber
nachdenken, dass, da Gottes Messias (also Ghulam Ahmed) gekommen ist, die Köpfe
nun erleuchtet werden...Nun wird jedem Glücklichen Einsicht gewährt werden...“
Zehn der zwölf Stämme Israels waren über den Irak, Iran, Afghanistan, Indien und Kaschmir verstreut worden. Große jüdische Siedlungen waren in Kaschmir entstanden. Viele Juden waren Buddhisten oder Hindu’s geworden. Jesu göttlicher Auftrag war, diese verlorenen Schafe wieder in die jüdische Religion zurückzuführen. Durch seine Kreuzigung war er zunächst daran gehindert, diesen Auftrag auszuführen. Nach überstandener Kreuzigung sei er nach Osten gezogen und hätte die verlorenen Stämme zum Glauben an den einen Gott zu bekehren. In „Jesus starb nicht am Kreuz“ schreibt Ahmad: „Aus diesem Grund wurde er Yasu’ Asaf genannt. Yasu ist der hebräische Name für Jesus, und Asaf bedeutet ‚Sucher der verlorenen Stämme’. Das Wort nahm schließlich die Form Yuz Asaf an, und unter diesem Namen ist Jesus (in Kaschmir) bis heute bekannt“.
Nachdem Jesus in Kaschmir seinen Auftrag erfüllt hatte, sei er im Alter von 125 Jahren gestorben und in Srinagar begraben worden, wo noch heute sein Grab verehrt werde.
Natürlich ist Jesus im Weltbild des Ghulam Ahmed nicht der letzte und endgültige Messias. Der ist ja Ghulam Ahmed. Deshalb hat Jesus auf seiner Reise nach Indien die zehn verlorenen Stämme schon einmal auf die Ankunft von Ghulam Ahmed vorbereitet.
Ahmed hat jetzt noch ein kleines Problem: Wie kann er bei dieser ganzen Geschichte, in deren Mittelpunkt Jesus und die Stämme Israels stehen, den Islam, die Ahmadiyya-Bewgung und sich selbst als den Messias ins Spiel bringen ? Das geht so: Gott erschien Moses auf dem Berg Sinai. Gott erschien Mohammed auf dem Berg Paran bei Mekka. Mohammed ist schon im 5. Buch Moses vorhergesagt worden, wo es in Vers 15 heißt: „Einen Propheten wie mich (Moses) wird dir (dem Volk Israel) erstehen lassen aus der Mitte deiner Brüder – auf den sollt ihr hören !“ – Und überhaupt, die Isrealis kamen aus der Gegend von Mekka, bevor sie sich im heiligen Land niederließen. Womit ja alles klar ist. Noch Fragen ?
Abschließend übermittelt Ghulam Ahmed der Welt folgende Botschaft: „Seid glücklich und singt den Preis Gottes, dass der Messias, dessen Ankunft in den alten Schriften und im Heiligen Koran prophezeiht worden ist und der vom heiligen Propheten des Islam angekündigt worden ist, dass der spirituelle Sohn von Mohammed bereits erschienen ist. Ich (Ghulam Ahmed), der ich vor ihnen stehe und die Ehre habe, diese Rede an Sie zu richten, bin der Stellvertreter und Dritte Nachfolger von diesem Messias“.
Levi
H. Dowling (1844-1911) war schon mit 18 Prediger einer kleinen religiösen
Gruppe, der „Schüler Christi“ in den USA. Was er im ersten Jahrzehnt des 20.
Jahrhundert in den frühen Morgenstunden „geschaut“ hat, schrieb er sofort
nieder. Daraus entstand das „Wassermann-Evangelium“. Es erschien 1908 erstmals
unter dem Titel: „The Aquarian Gospel of Jesus the Christ“. Der Teil VI handelt
vom „Leben und Wirken Jesu in Indien“, der Teil VII berichtet über „Jesus in
Tibet“, der Teil VII über „Jesus in Persien“. Auch nach Babylonien, Ägypten und
Griechenland kommt der reisefreudige Messias des Mr. Dowling. Er trifft große
Eingeweihte, lernt von ihnen und besteht Prüfungen. Auch nach seiner Kreuzigung
lässt die Reiselust nicht nach. Sein Körper „transmutiert“ nach dem Tod,
verstofflicht dann wieder und reist nach Indien, Persien, Delphi und
Heliopolis.
Die
Transmutation beschreibt Dowling so: „—sein Körper verwandelt sich von
sterblicher Substanz in die Unsterblichkeit der Seelenwelt. Dann verschwindet
die Gestalt des Meisters.“ Später erscheint Jesus den Jüngern wieder in
irdischer Gestalt und erklärt ihnen: „Fürwahr, des Menschen Leib kann
transmutiert, kann umgewandelt werden in den Zustand höherer Frequenz. Dies
Höhere ist Meister über alles Irdische und kann durch Anwendung des Willens
jegliche Gestalt annehmen. Deshalb komme ich in der Gestalt, die euch bekannt
ist“.
Woher
weiß Dowling das alles ? Aus der Akasha-Chronik. Das ist ein feinstoffliches
Archiv spirituellen Wissens, das durch Meditation erschlossen werden kann – so
die Theosophen und Anthroposophen. (Rudolf Steiner: „Aus der Akasha-Chronik“.)
Er
ist Mitglied einer modernen Rosenkreuzer-Gesellschaft, dem ARMORC (Antiquus
Mysticus Ordo Rosae Crucis“ – Alter mystischer Orden des Rosenkreuzes“). 1929
schrieb H. Spencer Lewis einen „erstaunlichen Bericht über die bekannten und
unbekannten Zeitabschnitte aus dem Leben des großen Meisters“. Der große
Meister, das ist Jesus Christus. Dieser sei von den Essener zum Priester
ausgebildet worden und habe dann eine Studienreise nach Indien unternommen. In Indien hätte man ihn in den geheimen
Priesterstand aufgenommen. Er verkündete eine esoterisch-buddhistische
Geheimlehre, und überstand die Kreuzigung als Scheintoter, dank der Pflege der
Essener. Er verbrachte noch einige Zeit in dem Essener-Kloster auf dem Berg
Karmel.
Jochim
Finger schreibt: „Diese Schilderung liest sich, wie wenn das
Wassermann-Evangelium mit dem „Essäer-Brief“ verbunden worden wäre. Das
Wassermann-Evangelium wiederum liest sich wie eine Erweiterung der Geschichte
von N. Notovitch“.
Der englische Geistliche Reverend G. J. Ouseley sammelte um sich einen spiritistischen Kreis, der durch angebliche Inspiration aus dem Jenseits das „Evangelium des Vollkommenen Lebens“ oder auch das „Evangelium der Heiligen Zwölf“ niederschrieb. Es erschien 1881 in England. Im Vorwort zu diesem Buch erwähnt Miss Violet Crispe, dass in einem Kloster, der „Kleinen Potala“ in der Stadt Leh in Ladakh (heute zu Kaschmir gehörend) zahlreiche alte Schriften über das Leben des Issa aufbewahrt würden.
Der
österreichische Musiklehrer Jakob Lorber (1800-1864) vernahm 1840 eine innere
Stimme und fing an zu schreiben. Der „Schreibknecht Gottes“ beglückte die Welt
mit 25 Bänden, darunter dem Jakobus-Evangelium, das die Jugend Jesu beschreibt
und dem elfbändigen „großen Evangelium Johannis“. Er kannte wohl die Offenbarungen von Emanuel Swedenborg
(1688-1772) und von Anna Katharina Emmerick (1774-1824).
Rudolf
Steiner verfasste ein äußerst kompliziertes Evangelium, das „fünfte
Evangelium“, das er aus der „Akasha-Chronik“ durch meditative Schau empfangen
haben will. Es seien zwei Jesusknaben im Abstand von wenigen Monaten geboren
worden. Der eine, „Joshua“ oder „Jehoshua“, zog nach Kaschmir und starb dort
nach einem Leben als Prediger. Der andere nimmt mit zwölf Jahren das
„Zarathustra-Ich“ an, wird durch die Taufe im Jordan zum Christus und stirbt
später am Kreuz.
Inspiriert
wurden diese Vorstellungen von Steiner möglicherweise durch die Vorstellung der
syrischen Urchristen, welche glaubten, dass Jesus einen Zwilling gehabt hätte,
der „Thomas Didymos“ („Thomas, der Zwilling“) hieß. Er wird oft mit dem
„ungläubigen Thomas“, dem Apostel verwechselt. Dieser soll als Missionar in
Indien gewesen sein.
Der
Koran bestreitet die Wiederauferstehung Jesu und die Göttlichkeit Jesu
grundsätzlich.
Louis Jacolliot (1837-1890)
Er vertrat in seinem Buch „La bible dans l’Inde – Vie de Jezeus Christna“ (Die Bibel in Indien – das Leben des Jezeus Christna“), Paris, 1868, die Ansicht, dass Jesus in Ägypten oder „vielleicht sogar in Indien“ die indische Weisheit studiert habe.
Quellen
Am meisten von mir verwendete Quellen:
Die Bibel: Neues Testament
Norbert Klatt: „Lebe Jesus in Indien ?“ (die Antwort Klatts ist: Nein, er lebte nicht in Indien)
Josef Dirnbeck: „Die Jesus-Fälscher“
Joachim Finger: „Jesus – Essener, Guru, Esoteriker“.
David Friedrich Strauß: „Das Leben Jesu“, Leipzig 1864
(vermutlich) Philipp Klencke: „Wichtige historische Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jesu“, Leipzig 1849
Schriften und Webseite der Ahmadiyya-Bewegung
(Zweifler am Kreuzestod sind:
John Reban, Holger Kersten, Elmar R. Gruber, Philipp Friedrich Herrmann Klencke
Neutral ist: David Friedrich Strauß
Die Theorien von Holger Kersten u. a. widerlegen: Norbert
Klatt, Günter Grönbold, Josef Dirnbeck)
Quellen insgesamt:
Norbert Klatt: „Lebte Jesus in Indien ?“, Wallstein-Verlag, Göttingen 1988
Günter Grönbold: „Jesus in Indien - Das Ende einer Legende“, Kösel Verlag, München 1985
Josef Dirnbeck: Die Jesusfälscher, Pattloch Verlag, Augsburg 1994
Siegfried Obermeier: „Starb Jesus in Kaschmir ? – Das Geheimnis seines Lebens und Wirkens in Indien“, Econ Verlag, Düsseldorf und Wien, 1983, Zweite Auflage 1992 im Goldmann Verlag
Holger Kersten und Elmar R. Gruber: „Jesus starb nicht am Kreuz – Die Botschaft des Turiner Grabtuches“, Heyne Sachbuch 1999, Copyright Langen-Müller
Holger Kersten: „Jesus lebte in Indien“, Knaur Verlag München, 1983
Holger Kersten und Elmar R. Gruber: „Das Jesus-Komplott“, Verlag Langen-Müller, 1992
John Reban alias Kurt Berna alias Neslon T. Bruknaer (echter Name: Hans Naber): „Christus wurde lebendig begraben“, Inter Found Publisher, Zürich 1976
(vermutlich) Philipp Friedrich Hermann Klencke (1813-1881): „Wichtige historische Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jesu. Nach einem alten, in Alexandrien gefundenen Manuskripte von einem Zeitgenossen Jesu aus dem heiligen Orden der Essäer. Aus einer lateinischen Abschrift des Originals übersetzt“. Leipzig 1849
David Friedrich Strauß: „Das Leben Jesu“, Leipzig 1864
Joachim Finger: „Jesus – Essener, Guru, Esoteriker“, Matthias-Grünewald Verlag Mainz 1993 und Quell Verlag, Stuttgart 1993