Die zwei Gesichter Gottes

 

 

         Der liebe Gott                Der böse Gott

(Glasfenster in Burgund)                 (Palazzo Te, Mantua)    

 

Die Gleichung „Gott“ hat zwei Unbekannte: Den guten und den bösen Gott.

 

Links sehen Sie den guten Gott: Eine allmächtige und allgütige Vaterfigur, der wie ein oströmischer Kaiser auf seinem Thron sitzt. Er ist streng, aber gütig und gerecht. Er ist der Herr, dem sich alle zum eigenen Wohle unterzuordnen haben. Er lenkt die Welt weise und gerecht. Wenn etwas falsch läuft, greift er ein und korrigiert.

 

Rechts der böse Gott: ein drohender, grimmiger Dämon, der vernichtet und verneint. Aber so wie aus seinem Mund ein paar Pflanzen sprießen, so entsteht aus Vernichtung und Zerfall neues Leben. Die Vorgänger des Teufels sind Furchtbarkeitsgötter und Naturdämonen.

 

Diese beiden Kontrahenten, der liebe Gott (im Französischen treffender: le bon dieu) und der böse Gott, so lehrt uns der gemäßigte Dualismus des Christentums, sind nicht gleichwertig. Der Teufel ist identisch mit Luzifer, dem „Lichbringer“, der einst als oberster Engel eine Revolte der Engel gegen Gott anstiftete und von Gott vom Himmel auf die Erde geschleudert wurde. In einem letzten Endkampf wird einst der Teufel vernichtet werden und das Reich Gottes wird bis auf die Erde ausgedehnt. Aber heute herrscht auf der Erde noch der Teufel, der nur gelegentlich durch das Eingreifen Gottes oder seines Sohnes oder seiner Heiligen eine Niederlage gegen den Himmel erleidet. So weit die allgemein bekannte Ansicht des Christentums.

 

Aber der Glaube vom allmächtigen und allgütigen Gott lässt sich jedoch nur schwer aufrecht erhalten. Warum lässt Gott zu, dass so unendlich viel Leid geschieht ? Warum hat er eine Welt geschaffen, die so unvollkommen und so ungerecht ist ? Warum lässt er zu, dass der Teufel fast uneingeschränkt tun darf, was ihm beliebt ? Wie war es möglich, dass die Juden, die doch Gottes eigenes Volk sind, ihr Vaterland verloren und zu Millionen ermordet wurden ? Warum lässt er zu, dass unschuldige Kinder leiden müssen ? Warum hat er zugelassen, dass sein Sohn Christus am Kreuz starb ? Warum hat der Tod Jesu nichts bewirkt und warum geht das Leiden der Menschheit weiter ? Warum vertröstet er die Menschen auf einen fernen Tag, an dem er sein Reich auch auf Erden errichten wird ?

Dies sind Fragen, die sich wohl jeder Christ schon gestellt hat, und die ihn vielleicht in tiefe Zweifel, vielleicht sogar Verzweifelung, stürzten. Die Theologie ist gezwungen, Gott zu rechtfertigen (Theodizee = Rechtfertigung Gottes).

 

Die Gleichung „Gott = der Allgütige und Allmächtige“ geht nicht auf.

Genausowenig geht die Gleichung der Satanisten auf: „Satan = der wahre Gott“.

 

Wenn der Mensch seine Vernunft gebraucht -  und dazu ist sie ihm ja gegeben – dann muss er erkennen, dass Gott zwei Gesichter hat: Der gute Gott und der böse Gott. Gott und Satan sind ein und dieselbe Person (wenn man das Göttliche, wie es das Christentum tut, als eine Person sehen will). Die Antwort auf die Widersprüche zwischen dem vollkommen Schöpfergott und der unvollkommenen Schöpfung lautet: Gott ist ambivalent, er ist sowohl gut wie auch böse. Nicht der Dualismus zwischen zwei feindlichen Göttern, sondern die Dualität Gottes.

 

Als erstes beteten die Menschen Naturdämonen an. Diese Naturgötter waren wie die Natur selbst: Sie kann die Menschen reich beschenken, aber sie kann dem Menschen auch alles wegnehmen, sogar das Leben, und ihn in Armut und Schrecken stürzen. Die Ambivalenz oder „Dualität“ der Naturdämonen war für die „primitiven“ Völker eine altvertraute Realität. Erst der zivilisierte Mensch hat sich ein abstraktes Gottesbild geschaffen: einen einzigen und vollkommenen Gott, der alle andern Götter und Dämonen zum Aberglauben degradierte. Das war eine Art Aufklärung, und sie hatte ihre Berechtigung. Es ist schwer vorstellbar, dass der moderne Mensch, der inzwischen noch eine zweite (die von Voltaire und vieler anderer), eine dritte (die von Marx und vieler anderer) und eine vierte Aufklärung (die von Freud und Oswald Kolle) hinter sich hat, noch einmal zur Verehrung der Naturdämonen oder der Erdmutter Demeter zurückkehrt, obwohl deutliche Tendenzen spürbar sind, in der Natur wieder etwas Göttliches zu sehen. Auch das Dionysische, also der Rausch und die Besessenhet als Mittel, mit dem Göttlichen in Verbindung zu treten, liegt durchaus im Geist unserer Zeit.

 

Aber warum sollte der Mensch die Natur anbeten, solange er sie beherrschen kann ?  Und das kann er immer noch, auch wenn er einsehen muss, dass er an ihre Gesetze gebunden ist. Der Mensch betet erst, wenn er das Gefühl hat, dass er mit seiner Macht und seiner Herrlichkeit am Ende ist.

 

Religion war stets der Versuch des Menschen, die Götter und Dämonen zu seinen Gunsten zu manipulieren. Das war meist der Zweck jedes Gebetes, jedes Opfers und jeder Magie.

 

Aber schon immer war das Beten und Opfern als Mittel, Gott zu manipulieren, absurd. Wenn Gott gütig und allmächtig ist, dann tut er doch ohnehin nur das, was für den Menschen am besten ist. Warum sollte man ihn dann noch beeinflussen, das zu tun, von dem der Mensch glaubt, es wäre das bessere. Wäre es nicht ungeheuer anmaßend, diesen erhabenen und weisen Gott irgendwelche Vorschläge zu machen, wie er es besser machen könnte ?

 

Mehr Sinn würde das Beten und Opfern schon machen, wenn Gott ein missgünstiger und korrupter Dämon wäre. Dann könnte man ihn durch Opfer bestechen oder versöhnen. Und das war auch die Absicht der sogenannten Primitiven, die ihren Götzen opferten.

 

Wie würde der doppelgesichtige Gott, der die Vollkommenheit und die Güte in unerklärlicher und widersprüchlicher Weise mit Grausamkeit und Bosheit in sich vereint, auf Gebete und Opfer reagieren ? In seiner Eigenschaft der Vollkommenheit würde er sich nicht beeinflussen lassen; und in seiner Eigenschaft als boshafter und missgünstiger Dämon würde er über die Gebete nur lachen. Deshalb ist es wohl sinnlos, ihn zu irgend etwas manipulieren zu wollen.

 

Gebete manipulieren nicht Gott, sondern den Betenden selbst. Der Betende fühlt sich besser, hat neue Hoffnung; er erzeugt in sich Vorstellungen, wie eine Sache gut ausgehen könnte. Und Vorstellungen haben ja die Tendenz, sich selbst zu verwirklichen.